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Hermann Wislicenus

geschrieben von Barbara Vogg im Februar 2012

Der letzte deutsche Monumentalmaler

Vom Kaiser Barbarossa, der verzaubert im Kyffhäuser an einem Tisch sitzt und dessen Bart durch und um den Tisch herum wächst, weil er wartet, dass er sein Reich neu errichten kann, erfuhr ich, als Vater mit mir im Kaiserhaus die Gemälde betrachtete. Und ich war glücklich: Auch Dornröschen sah ich dort überlebensgroß erwachen. Das war wohl in den 50er Jahren nach der Auflösung des Ostarchivs, das im Kaiserhaus beherbergt worden war. Bei der schnellen Einlagerung der Kartons aber hatte man sich nicht gerade vorgesehen, sodass die Wandmalereien des Hermann Wislicenus von vielen Rissen und Löchern erheblich beschädigt waren.

Bitte nicht einfach überstreichen

Da jedoch zu der Zeit das Bewahren der Geschichte nicht an erster Stelle stand, sollten die Bilder, an denen Wislicenus mehr als 20 Jahre gearbeitet hatte, kurzerhand übergestrichen werden. Hans- Günther Griep (QUADRAT brachte sein Porträt in Ausgabe 12/2011) wurde mit dieser Aufgabe betraut. Dass ihm das gegen den Strich ging, ist unschwer zu verstehen. Darum startete er zunächst einmal die Anfrage, mit welcher Farbe man denn arbeiten solle, und da die Diskussion darüber hitzig und später ad acta gelegt wurde, blieben dem Kaiserhaus die Gemälde erhalten, die auch heute noch viele Touristen in die Kaiserstadt locken. Der Maler Eichhorn-Hohleck reparierte zunächst einmal notdürftig die Schäden und das Kaiserhaus wurde von da an bald für bedeutende Veranstaltungen genutzt, bis es dann in den 90er Jahren des letzen Jahrhunderts zu einer umfassenden Renovierung kam.

Ein beachteter Künstler und Lehrer

Wer war nun dieser Hermann Wislicenus, nach dem in Goslar eine Straße benannt und der zusammen mit seiner Ehefrau Ida auf dem Friedhof Hildesheimer Straße beigesetzt wurde. Leider findet man in einschlägiger Literatur nicht viel über ihn. Leider auch sind die meisten seiner Werke im Krieg zerstört worden. Er wurde 1825 in Eisenach als Sohn eines Arztes geboren. Seine künstlerische Ausbildung begann er 1844 an der Kunstakademie Dresden, wo er schon 1849 den Akademie-Preis Dresden für sein Gemälde „Abundantia und Miseria“ (Überfluss und Elend) erhielt. Heute ist davon nur noch eine Fotografie erhalten. Dieser Preis verschaffte ihm ein Stipendium in Rom, von wo er 1858 wegen einer Berufung an die Kunstschule Weimar zurückkehrte. 1865 wird Wislicenus zum Professor an der Kunstschule Weimar ernannt, 1868 folgt er dem Ruf der Kunstakademie Düsseldorf als Professor der Historienmalerei, und 1878 zeichnete ihn die preußisch kaiserliche Regierung mit seinem größten Auftrag – der Ausschmückung des Goslarer Kaisersaals – aus.

20 Jahre Arbeit im Kaisersaal

Seine Kartons, das sind die Vorlagen in Originalgröße, die dann später entweder durch Schwärzung der Rückseite wie ein Durchschlagpapier verwendet wurden, auf denen man die Konturen der Zeichnungen „durchpauste“ oder auf denen die Konturen mit Löchern versehen wurden, durch die man Tinte auf die zu bemalende Wand drückte, sind auch heute noch im Goslarer Museum eingelagert.

Das Kaiserhaus, seit dem 13. Jahrhundert zum Lagerraum und Kornspeicher missbraucht, drohte 1865 gänzlich einzustürzen. Doch eine staatliche Kommission befahl und ermöglichte die Renovierung, um einen Abbruch zu verhindern. Sie war 1879 abgeschlossen. Von da an brauchen Hermann Wislicenus und seine Helfer 20 Jahre zur Umsetzung seiner allegorischen Monumentalmalerei in der „Aula Regis“. Teilweise assistierte ihm sein Sohn Max, der in Vaters Fußstapfen trat, sowie Wislicenus Künstlerfreund Franz Weinack. Zunächst pendelte der Künstler zwischen Düsseldorf und Goslar, bis er nach seiner Pensionierung 1895 ganz nach Goslar in sein Haus im Claustorwall 23 übersiedelte. Hier wohnte er bis zu seinem Tod mit seiner Tochter Elisabeth (seine Ehefrau Ida war schon 1884 in Düsseldorf gestorben) und Freund Weinack.

Märchen und Sagen waren für Wislicenus die Vorbilder für seine monumentalen historisierenden Wandgemälde, die das nationale Gefühl jener Zeit widerspiegelten. Siegfried Gehrecke schreibt in seinem Buch „Hermann Wislicenus“: … in allegorischen Gestalten prägen sich nationale Empfindungen und mythische Vorstellungen aus (etwa die „Wiedererstehung des Reiches“ als Kombination der Barbarossa-Sage mit dem Dornröschen-Märchen in den Goslarer Pfalzfresken)…

Hermann Wislicenus Monumentalmalerei ist der letzte Aufschrei einer Epoche gewesen, die bei Fertigstellung seiner Bilder 1897 eigentlich schon untergegangen war. Die sonst üblichen Ehrungen blieben dann auch aus. Dennoch wurde das Lebenswerk des Künstlers im kleinen Freundeskreis hoch gelobt und gefeiert. Den Goslarern war er während seiner langen Schaffensperiode zum guten Freund geworden, verewigte er doch in seinen Gemälden im Kaiserhaus neben Porträts von Kaisern und Königen viele bekannte Bürger.

„Aula Regis“ Zeugnis vergangener Epoche

1899 stirbt Wislicenus in Goslar. Es ist überliefert, dass er sich in sein Sterbezimmer eine Harzer Fichte stellen ließ. 1948 lässt Sohn Max die Urnen beider Eltern in Goslar beisetzen. Tochter Elisabeth und Gonhild Rossel, die Ehefrau des Sohnes Max, sind ebenfalls in Goslar beerdigt. Hat auch Hermann Wislicenus nie die ihm gebührende Würdigung erhalten, verhängte sogar Adolf Hitler auf dem Reichsbauerntag die Gemälde mit Tüchern, brauchten die Stadtväter auch eine ganze Weile, bis sie den Wert der „Aula Regis“ erkannten und vermarkteten, so trägt doch heute der Besucherstrom ins Kaiserhaus nicht unerheblich zum florierenden Tourismus bei. (babs)

fotos: stadt goslar / bernd schwarz