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„Wer hat Angst vorm bösen Wolf?“ „Niemand!“

geschrieben von Stefan Sobotta im April 2011

EIN COMEBACK NACH MEHR ALS 100 JAHREN

Wölfe kennen wir in Deutschland heute fast nur noch aus Kinderreimen und Märchen. Gesehen haben wir sie nur in den Tierdokumentationen im Fernsehen. Der Wolf ist lange verschwunden aus unseren Wäldern, in denen er seit Jahrhunderten heimisch war. Er wurde als Räuber beschimpft, gejagt und schließlich ausgerottet. Seit ein paar Jahren sind diese Tiere jedoch wieder zurückgekehrt. Aus Polen wandern sie ein, sind in der Lausitz bereits wieder heimisch geworden. Eigentlich waren die Wölfe ja nie ganz weg“, konstatiert Walter Wimmer vom Naturschutzbund Deutschland (NABU). Leider wurden Tiere, die nach Deutschland einwanderten, bis in die 1950- er Jahre noch rigoros verfolgt und getötet. Zu tief saß bei vielen die Mär vom „bösen Wolf“, wie ihn auch die Märchen der Gebrüder Grimm beschreiben.

WÖLFE WAREN HIER SCHON IMMER HEIMISCH

Konstante neue Populationen dieser Rudeltiere konnten sich so nicht entwickeln. Erst der strikte Schutz dieser Tierart hat eine positive Entwicklung bewirken können. Zwischen 1945 und 1990 versuchten mindestens 22 Wölfe erfolglos wieder in Deutschland Fuß zu fassen. Sie wurden erschossen oder überfahren. Seit 1990 wurden dann vermehrt Wolfssichtungen aus Brandenburg und Sachsen gemeldet. Mittlerweile leben dort wieder fünf Rudel auf einer Fläche, die doppelt so groß ist wie Berlin. Wenige Tiere polarisieren so wie der Wolf. Er ist ein Top-Predator, wie es heute so bezeichnend heißt, ein schneller, großer Beutegreifer. 150 Jahre nach seiner Ausrottung erinnern immer noch viele Flurnamen im Harz an den Vorfahren unserer Haushunde. Wer möchte, kann vom Torfhaus zur Wolfswarte wandern, in Wolfshagen übernachten, die Wolfsklippen besuchen, nach Wulften fahren oder zum Wolfsgarten gehen. Diese und noch viele Namen mit Wolfsbezug finden sich auf den Harzer Wanderkarten und lassen erahnen, wie wichtig dieses Tier auch schon in der Wahrnehmung der Menschen früherer Zeiten war. Der Wolf war neben dem Menschen das am weitesten verbreitete Säugetier und war nahezu überall auf der Nordhalbkugel zu finden.

Heute ist dieses faszinierende Lebewesen nur noch in einem Drittel seines ursprünglichen Lebensraumes zuhause. Isegrim zieht langsam wieder gen Westen. Er ist ein guter Wanderer: In zehn Bundesländern konnten bereits Nachweise gesichert werden. Auch in Niedersachsen wurden schon Tiere gesehen. Meist bleibt es aber bei Einzelgängern. Es ist jedoch nur noch eine Frage der Zeit, so ist sich Walter Wimmer sicher, bis es auch im Harz wieder Wölfe gibt. Keiner weiß, wie lange das dauert. Dass es aber irgendwann soweit sein wird, darüber sind sich die Experten einig. Es kann in einem Jahr sein oder schon nächste Woche. Vielleicht ist der scheue Jäger auch schon da. Die sagenumwobenen Tiere sind Langstreckenläufer. Sie können ohne Probleme 50 Kilometer in einer Nacht zurücklegen. Ein einzelnes Tier könnte also den Harz innerhalb weniger Tage von der Lausitz aus erreichen. Der Wolf erbeutet vor allem Schalenwild, also Rehe, Rotwild und Wildschweine. Vor allem bei den letzten beiden Arten werden junge, alte und kranke Tiere bevorzugt. „Der Wolf ist also kein Konkurrent der Jäger, sondern fördert so einen gesunden Wildbestand“, betont Walter Wimmer. Auch in der Jägerschaft hat sich diese Erkenntnis immer mehr durchgesetzt. Neuere Erkenntnisse aus der Lausitz, wo schon seit einiger Zeit die Wölfe wieder

DER WOLF IM HARZ: EIN ALTER BEKANNTER

heimisch geworden sind, zeigen, dass die Jagdstrecken trotzdem gleich geblieben sind. Auch Schäfer, die ihre Schafzucht richtig betreiben, müssen keine Angst vor Wölfen haben, weiß der NABU Experte. Elektrozäune und Herdenschutzhunde bieten einen wirksamen Schutz vor dem Beutegreifer. Erfahrungsgemäß reißen Wölfe vor allem dann Schafe, wenn es zu wenig Schalenwild gibt, was in unserer Region jedoch nicht der Fall ist. Wolfsexperten und Schäfer arbeiten bereits Hand in Hand. Selbst wenn einmal ein Nutztier vom Wolf erbeutet wird, so erhält der Besitzer Schadensersatz. Dies ist aber eine sehr seltene Ausnahme. Auf seiner Internetseite schreibt der NABU unter dem Motto „Willkommen Wolf“: „Die Erfahrungen mit Wolfsvorkommen in anderen europäischen Ländern zeigen, dass Wölfe sich sehr gut an unterschiedliche Lebensräume anpassen können. Die Nähe des Menschen stört sie nicht, wenn Rückzugsgebiete vorhanden sind, in denen sie Ruhephasen verbringen und ungestört ihren Nachwuchs aufziehen können. Ziel muss es daher sein, solche Rückzugsräume zu sichern. Besonders geeignet sind dafür ehemalige und aktive Truppenübungsplätze, sowie großflächige Schutzgebiete.“ Die dichten Harzer Wälder könnten dem Wolf guten Schutz und Rückzugsraum bieten. Mit den Menschen und ihren Siedlungen haben sich die Tiere schon lange arrangiert. Wölfe meiden Menschen üblicherweise, weshalb Wolfssichtungen auch durch Wissenschaftler und Förster nur sehr selten stattfinden. Walter Wimmer meint dazu ironisch: „Die Wölfe ziehen nachts auch durch die Dörfer, ohne Schafe zu klauen und kleine Kinder morgens aus der Bushaltestelle zu ziehen!“

DAS SELTENSTE SÄUGETIER DEUTSCHLANDS

Neben den Wolfsrudeln in der Lausitz konnte auch in Niedersachsen nach mehr als 50 Jahren wieder ein Wolf nachgewiesen werden. Im Jahr 2007 wurde auf dem Testgelände der Firma Rheinmetall in der Lüneburger Heide ein Tier gesichtet. Experten rechnen daher damit, dass sich auch in Niedersachsen die scheuen Jäger langfristig wieder fest etablieren werden. Nicht jede Sichtung und jede Spur deuten aber auf einen Wolf hin. Selbst Experten haben erst hundertprozentige Sicherheit, wenn über Haare oder Kotproben mittels eines DNA-Tests ein Nachweis im Labor erbracht werden kann. Es gibt auch Hundearten und Mischlinge, die ihrem Urahn sehr ähnlich sind. Aufzuklären und Vertrauen in der Bevölkerung aufzubauen, das ist das große Ziel der Wolfsschützer. Denn nur wenn die Menschen wissen, dass ihnen keine Gefahr droht, werden sie den Heimkehrer willkommen heißen, den sie schon jetzt fasziniert in zoologischen Gärten und Wildgehegen beobachten. Noch ist der Wolf das seltenste Säugetier Deutschlands. NABU - Präsident Olaf Tschimpke ist sich sicher: „Dauerhaft werden hier nur Wölfe leben, wenn der Mensch es zulässt.“ Das gilt auch für den Harz. Vielleicht heißt es ja auch bald bei uns: „Tschüss Rotkäppchen – Willkommen Wolf!“ (sts) FOTOS: STEFAN SOBOTTA + DANIEL ARNOLD / pixelio.de