High-Tec, die unter die Haut geht
geschrieben von Stefan Sobotta im Januar 2012
Qualität ist das oberste Gebot
Der Begriff „eine bunte Truppe“ bekommt eine ganz neue Bedeutung, wenn man bei Tattoo Tools in Clausthal-Zellerfeld vorbeischaut. Florian Altenhövel und seine Mitarbeiter verkaufen nicht nur Tätowiermaschinen, sie scheinen sie auch selbst gern zu benutzen. Körperschmuck ist hier zwar kein Einstellungs-, aber auch kein Ausschlusskriterium. Was 2003 als Firma in einer kleinen Wohnung in Hahnenklee begann, ist mittlerweile ein weltweit operierendes Unternehmen. Altenhövel ist Maschinenbauingenieur und hat seine Liebe zu individuellem Körperschmuck mit seinem Beruf verbunden. Seine Firma vertreibt nicht nur Tattoomaschinen und Zubehör, sondern produziert die meisten Teile auch selbst. Innerhalb weniger Jahre hat sie sich bis an die europäische Spitze in dieser Branche hochgearbeitet. Mittlerweile steht in der Bergstadt auf 200 Quadratmetern ein großer Maschinenpark: Fünf CNC Drehautomaten, eine CNC Fräsmaschine, diverse Polieranlagen, zwei Spritzgussanlagen und ein Laser zum schneiden von Federblechen. Das alles dient der Herstellung von hochwertigen Produkten, die optimale Qualität ist das Hauptziel der Clausthaler Firma. So haben sie es auch geschafft, den Auftrag für die Produktion der „Stigma“ zu bekommen. Diese Tattoomaschine ist High-Tech, betont der Firmenchef. Die Kunden fordern minimalste Fertigungstoleranzen. Die meisten Einzelteile sind zudem speziell oberflächenbehandelt. Qualität ist das oberste Gebot Ursprünglich funktionieren Tätowiermaschinen ähnlich wie eine alte Haustürklingel. Statt des Klöppels bewegen zwei Elektromagneten die Nadeln auf und ab. Frequenz und Härte des Schlages lassen sich durch dieses Funktionsprinzip gut regeln. Im Gegensatz zu diesem Konzept arbeiten sogenannte Rotary- Maschinen mit einem kleinen Elektromotor. Bisher konnte bei solchen Geräten nur die Frequenz der Nadelbewegungen eingestellt werden, nicht aber die Härte der Schläge. Mit der „Stigma“ hat sich das geändert. Ein findiges Tätowiererduo aus Kreta hat zusammen mit einem Ingenieurbüro das technische Kunstwerk entwickelt. Das Gerät kommt auf dem Markt so gut an, dass die Apparate mittlerweile sogar aus dem Oberharz in die USA geliefert werden. Um den Auftrag zu bekommen, flog der Firmenchef nach Kreta, verhandelte und bekam schließlich den Zuschlag. Ein halbes Jahr wurde in der Werkhalle in Zellerfeld getüftelt, bis alle mit dem Ergebnis zufrieden waren. „Das ist Ingenieurkunst auf höchstem Niveau!“ freut sich der Tüftler Altenhövel, der seine Produkte gern mit dem Label „made in the heart of Europe“ versieht. Höchste Qualität steht für ihn über allem.
Ein boomender Markt
Florian Altenhövel war Konstrukteur bei Bosch, als er begann, sich in seiner
Freizeit mit Tätowiermaschinen zu beschäftigen. Ein befreundeter Tätowierer
fragte ihn, ob er ihm nicht eine bauen könne. Er fertigte dann gleich drei und verkaufte zwei davon bei eBay. Die waren blitzschnell
weg und so begann das Geschäft nebenbei
zu laufen. 2004 machte er sich selbstständig.
Gegen den Widerstand von Familie und Freundin
kündigte der Jungunternehmer seinen festen Job
und wagte den Schritt zur eigenen Firma. Noch
heute ist er der Sparkasse am Ort dankbar, dass sie
ihm seine erste CNC-Maschine problemlos finanziert
hat.
Seinen Körper mit mehr oder weniger bunten Bildern
zu schmücken ist mittlerweile eine allgemein
akzeptierte Mode geworden. Während früher den
Bildern, die unter die Haut gehen, vor allem eher
die Halbwelt zugetan war, ist es heute akzeptiert
und fast normal, sich unter die Nadel zu legen. Das
„Arschgeweih“ ist zwar schon wieder out, kleine
Rosen, Herzen, der angedeutete Stacheldraht um
den Oberarm sind aber mittlerweile auch bei den
Damen in der Reihenhaussiedlung gern gesehen.
Fernsehsender wie DMAX haben geholfen, Körperschmuck
salonfähig zu machen. Mittlerweile gibt
es mehrere Dokusoaps, die sich diesem Thema widmen.
Das bleibt nicht ohne Folgen. Auch in der
Werkstatt im Oberharz ist in den letzten drei Jahren
der Boom deutlich spürbar geworden. Selbst
Deutschlands First Lady, Bettina Wulff, trägt einen
mit einem sogenannten Tribal geschmückten Oberarm
zur Schau. Die eher konservative Frankfurter
Allgemeine Zeitung titelte daraufhin bissig: „Die
perforierte Republik“. Tätowierungen sind keine
Erfindung der Neuzeit, doch spätestens mit dem
Einzug solcher Körperdekoration ins Schloss Bellevue
wird aus Individualität ganz offensichtlich
Mainstream.
Egal, ob „cooles“ Tribal oder traditioneller Körperschmuck
der Maori: Das Bild muss in die Haut.
Grundsätzlich ist es also immer eine Verletzung.
Dabei wird mit Nadeln Farbe in die mittlere Hautschicht
eingebracht. Mit einer modernen Maschine
geht das fast so leicht wie Zeichnen auf Papier. Mit
verschiedenen Nadeln und Geräteeinstellungen
können sowohl Linien als auch Flächen, Schattierungen
und Verläufe in allen nur gewünschten Farbgebungen
gestaltet werden. Der Phantasie sind da
keine Grenzen gesetzt. „In Deutschland herrschen
übrigens weltweit die strengsten Regeln, was die
Zusammensetzung der Farben angeht“, weiß Florian
Altenhövel.
Sauberkeit ist natürlich oberstes Gebot. Altenhövel
meint: „Ein gutes Studio erkennt man daran, dass
es auch nach Desinfektionsmittel riecht“. Der Trend
geht daher in den letzten Jahren immer mehr zu
Einwegprodukten im Bereich Griffstücke und
Nadelhalter. Tattoo Tools hat sich diesem Trend
gestellt und produziert nun auch Wegwerfteile aus
Thermoplastischen Elastomeren (TPE), die im
Gegensatz zu den Konkurrenzprodukten aus China
frei von giftigen Weichmachern sind. Verpackt werden
die Teile nach Standards, wie sie auch in der
Lebensmittel- und Medizinbranche Anwendung finden,
um anschließend in Halberstadt, in Europas
modernstem Sterilisierwerk, keimfrei gemacht zu
werden. Mittlerweile liegt der Anteil in der Produktion
von Mehrweg zu Einweg bei 50 zu 50. Der Chef
und fünf Angestellte werden sicher auch in Zukunft
eher mehr als weniger zu tun haben. In den letzten
Jahren kam alle sechs Monate eine neue CNCMaschine
hinzu, um die Arbeit zu schaffen. Neben
den High-Tec Geräten steht direkt neben dem Büro
auch noch die erste Drehbank. Der Firmenchef
hatte sie vor vielen Jahren von seinem ersten Gesellenlohn
gekauft.
Maschine vom ersten Gesellengehalt
Ein Werkstück fällt allerdings auf in der Halle zwischen
dem Brummen und Surren der computergesteuerten
Drehmaschinen. Seit zwei Jahren wartet
hier Florian Altenhövels größtes Projekt auf seine
Vollendung: Um einen 1600er Harley-Motor herum
entsteht ein stilechter Chopper. Wenn der Tattooboom
allerdings so kräftig weitergeht, wird die erste
Ausfahrt mit dem edlen Teil wohl noch lange auf
sich warten lassen. (sts)
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