Mick Jagger:
geschrieben von Hansi Hoffmann im Februar 2012„Drugs,Sex and Rock’n’Roll –das ist Leben!“
Hansi Hoffmann , PR-Manager Der Superstars, erinnert sich

No, no, no, Mick, I can’t do it!“ jammerte die
Braut auf den letzten Stufen zum Amtszimmer
des Bürgermeisters Marius Astezan im
„Hotel de Ville“, dem Rathaus von St. Tropez am
Place de la Marie. Mit einem Schluck Champagner
aus der Dom Perignon-Flasche, von Freund Tony
Sanchez an Mick gereicht, wurde die Braut
ruhig gestellt. In einem tief dekolletierten
weißen Kostüm mit weißem
Hut in Wagenrad-Größe stöckelte die
nach eigenen Angaben 21-jährige
Bianca-Rosa Perez-Mora de Macias
an diesem sonnigen Maitag 1971
neben ihrem Bräutigam, dem 27-jährigen
„Rolling Stones“-Boss Mick Jagger,
in die Ehe. Bianca-Trauzeugin
Natalie Delon schob mit Mick-Freund
Keith Richard die zaghafte Braut auf
den Gobelin-Armsessel vor den Standesbeamten.
Fürchtete sich Bianca vor
dem „Ja“-Wort zum turbulenten Eheleben
mit dem Sex-Maniac Jagger oder gar
vor der Verlesung ihrer ungeschönten
Herkunfts-Litanei durch den Bürgermeister?
„Da werden sich sicher noch Einige wundern“,
flüsterte mir der als Brautvater fungierende
Lord Patrick Lichfield – ein Vetter
der Queen – zu. „So ganz astrein ist die
Dame nun wirklich nicht! Der Bräutigam
weiß wohl kaum mehr über sein exotisches
Juwel als die vielen Männer in ihrem Umfeld. Als
einst die 16-jährige Bianca aus dem fernen Managua,
der Hauptstadt Nicaraguas, in Europa aufschlug,
wurde die vollreife, exotische Halbindianerin
zum umschwärmten Jet-Set-Party-Girl“,
berichtete mir halblaut der Lord. „Sie fügte dem elterlichen Nachnamen
Perez-Mora ein adeliges de Macias an, vermeintliche
Tochter eines Diplomaten, fabulierte von einem
Politologie-Studium an der Pariser Elite-Uni Sorbonne
und finanzierte ihr Luxusleben durch vermögende
Männer, unter ihnen auch der
Schauspieler Michael Caine. Einem
armen, exotischen Girlie aus einem
Dritte-Welt-Land würde jedoch der adelige
Society-Glanz fehlen, den ein
Luxusweibchen wie Luft zum Atmen
braucht, denn die wahrhaftige Bianca
war schlicht gestrickt: im Mai ’45 geboren,
die Mutter indianischer Abstammung,
Chefin einer kleinen Imbissbude
am Stadtrand der Hauptstadt,
der Vater ein mittelloser Spanier, der
Mutter und Kind sitzen ließ. Als die
„Adelige von eigenen Gnaden“ nun
im Standesamt von St. Tropez plötzlich
zur fünf Jahre älteren, 26-jährigen
bürgerlichen Bianca-Rosa wurde
und durch ein leise gehauchtes „Ja“
zu Frau Jagger avancierte, hatten
die laut schwadronierenden und
trinkenden Standesamt-Gäste von
dem unfrisierten Lebenslauf der
Braut nichts mitbekommen.
Knapp ein Jahr zuvor fand der
Urknall „Mick-peng-Bianca“ im
mondänen Yacht-Club von Cannes statt. Der alerte Mehrfach-Millionär Eddy Barclay,
erfolgreichster Plattenboss in Frankreich, viermal
von seinen jeweiligen Kindfrauen geschieden,
hatte zur Premiere der brandneuen „Rolling Stones
Record Companie“ die europäische Showbusiness-
Elite einfliegen lassen. Ich begleitete den deutschen
Plattenboss Siggi Loch, dieser war durch die
Medien-Betreuung von drei „Stones“-Deutschland-
Tourneen auch für Mick & Co kein Unbekannter.
Party-Löwe Barclay schmückte sich auf der
„Stones“-Fete mit „meiner exotischen Blume
Bianca“, wie er die bildhübsche Frau mit den langen
blauschwarzen Haaren, den tiefdunklen Augen
und den hoch stehenden Wangenknochen vorstellte.
Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen,
wie sich Mick Jagger an die Barclay-Freundin heranpirschte,
mit einem frischen Champagnerglas
eine leicht-lockere Plauderei begann und ihr am
üppigen Büffet kleine Leckereien auf den Teller
jonglierte, während der ältliche Barclay mit britischen
und italienischen Geschäftspartnern parlierte.
In der unterkühlten Koketterie der halbindianischen
Schönheit war unverkennbar, dass der
junge Mick bestens in ihr Beuteschema passte,
egal, ob ihr die richtige Rocklänge wichtiger war
als die Rockmusik der „Rolling
Stones“. Als ein kleiner Tumult
entstand, weil Keith Richard mit
seiner Freundin Anita Pallenberg
quer vor den Toiletten-Türen lag,
dem Rausch des weißen Pulvers
ergeben, entführte Mick unbemerkt
seine neue Eroberung.

Hansi Hoffmann und Mick Jagger – dem das Bier offensichtlich gut schmeckt ...
„Shocking, die Vandalen kommen“,
ereiferte sich eine überreife
Britin, als die Londoner
Hochzeitsgesellschaft im Mai
’71 in das Luxushotel „Byblos“
in St. Tropez einfiel. 130
Ausgeflippte in kunterbunten
Klamotten, von Mick in einem
Sonderflug an die Cotê d’Azur
gekarrt, besetzten das vornehme
Foyer. Die Beatles-
Boys Ringo Starr und Paul
McCartney fühlten sich wie
beim Karneval in Rio. Der
zweijährige Marlon, Sohn
von Richard und der Pallenberg, machte die Beinchen
breit, ging ein wenig in die Knie und pieselte
auf den kostbaren Teppich. In wenigen Minuten
glich die Empfangshalle einem Zigeunerlager,
in dem ein schüchternes Paar im Sonntagsstaat
mit Hilfe eines Pagen versuchte, ein Päckchen mit
schöner roter Schleife an die Braut zu bringen.
Micks Eltern, der Sportlehrer Basil Joe Jagger und
seine Frau, die Australierin Eva-Marie, konnten ihr
Päckchen nicht loswerden, hinterließen es verzweifelt
beim Hotelportier.
Die Hochzeitsfete startete am frühen Abend im
„Café des Arts“, dem Billardplatz von Brigitte Bardot,
mitten in der Schicki-Micki-Metropole. Die
übermütige Hundertschaft fiel wie die Hunnen
über das überladene Feinkost-Buffet her, schob
lautstark die feinen Kellner mit ihren Vorlagebestecken
zur Seite, langte mit den Fingern in Kaviarschalen
und Gänseleberpastete, ließ die Pommery-
Flaschen kreisen. Nach kurzer Zeit hatte sich das
weiträumige „Café“ in eine neuzeitliche römische
Orgie verwandelt, mit sich verlustierenden Paaren
auf dem Parkett, mit unzähligen blanken Busen,
heruntergelassenen Hosen und einer pummeligen
Blondine – nur mit einem grünen Mini-Slip bekleidet.
Laute Rockmusik dröhnte über die dicht wabernde Haschischwolke, Keith Richard taumelte mit seiner Anita Pallenberg
volltrunken in das opulente Dessert-Buffet und riss mit sich die
feinsten Leckereien zu Boden, schlief zwischen weißer Mousse, Obstsalat
und Eiscreme bekleckert auf der halbnackten Pallenberg ein.
„Drugs, Sex and Rock’n’Roll – das ist Leben!“ behauptete Mick Jagger
bei jeder Gelegenheit. Sieben Kinder von vier Frauen, dazu eine Galerie
der schönsten Gespielinnen – die Sängerinnen Masha Hunt, Marianne
Faithfull, Diana Ross, Carla Bruni, die „Kommunen-Madonna“ Uschi
Obermeier, auch mal die Pallenberg und eine Hundertschaft von langbeinigen
Groupies habe ich auf sechs „Stones“-Tourneen in Deutschland
kennen gelernt. Auf der Tour ’67 rollten wir in einem Sonderzughotel der
Bundesbahn von Bremen nach Köln, von Dortmund nach Hamburg. Während
wir im Luxuswaggon speisten, die „Glimmer Twins“ Mick und Keith
im Salonwagen mit Gitarren an neuen Songs bastelten, schleuste Tony
Sanchez, der „Mann für’s Grobe“, eine Horde williger Groupies in die
Schlafwagen des Hotelzugs – ein rollendes Stones-Bordell auf deutschen
Abstellgleisen.
Die übermütige Hundertschaft fiel wie die Hunnen über das überladene Feinkost-Buffet her.
„No matter what you ask for. It’s all about what you get“ (Egal, wonach du fragst, wichtig ist, was du bekommst!) war der erste Satz, den ich von Mick Jagger in der Vorbereitung der allerersten Deutschlandtournee 1965 durch fünf Städte auf meine Frage nach Interviews zu hören bekam. Die Briten-Rocker waren mit ihrem Welt-Hit „Satisfaction“ in genau zwei Jahren vom Londoner Hinterhof in den Starhimmel geschossen. Und so sah auch der Catering-Plan für die „Stones“-Garderoben hinter den Bühnen aus: Drei Flaschen Tequila, fünf Flaschen verschiedene britische und amerikanische Whiskysorten, eine Flasche US-Brandy, zwei Flaschen polnischen Vodka, eine Flasche Kaffeelikör, drei Flaschen deutscher halbsüßer Weißwein (eisgekühlt), dazu ein großes Brot-, Wurstund Käsesortiment, Graved-Lachs, Forellenfilets, riesige Obst auswahl … und … und … und. Als am 15. September 1965 auf der letzten Tourneestadion auf der Berliner Waldbühne nur ein behelfsmäßiger Backstage- Bereich im Naturschutzgebiet möglich war, protestierten die „Stones“ auf ihre Art, indem sie lediglich ein Kurzprogramm ohne jede Zugabe vor den zwanzigtausend Fans ablieferten. Tumulte im riesigen Halbrund der Waldbühne. Die Zuschauer machten ihrer Wut eindrucksvoll Luft: plötzlich brannten vor der Bühne die Holzbänke. In kurzer Zeit waren die Menschen bei den Ausgängen, der Brand loderte inzwischen auf allen Rängen, die Feuerwehr hatte keine Chance. Neben mir stand regungslos der Nürnberger Tourneeveranstalter Charly Buchmann, Tränen in den Augen, verzweifelt, wütend, traurig. „Dies war mein letztes Rockkonzert. Auf meinen Tourneen mit Max Greger, Peter Alexander oder Caterina Valente brennen höchstens mal ein paar Wunderkerzen!“
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