„Schlechten Wein können andere besser als wir …“
geschrieben von Corina Klengel im November 2011HARZER WEINGUT KIRMANN SETZT AUF QUALITÄT

Es blubbert in unterschiedlichen Rhythmen
und der Geruch von leicht alkoholischem
Most erfüllt die Kellerei, die von großen
Edelstahltanks dominiert wird. Neben allerlei
Laborutensilien steht ein Gerät, das auch ein Photonentorpedo
von der Enterprise hätte sein können.
Ist es aber nicht, ist eine Maischepumpe,
erklärt Matthias Kirmann, Herr über Gärgut und
Oechsle.
Vor dem kleinen Winzerbetrieb, in dem gerade der
Jahrgang 2011 gedeiht, tun sich aber nicht etwa
Rheinberge oder Kaiserstuhl auf – nein, es sind
Brocken, Rosstrappe und Königsstein, die herüber
lugen. „2011 wird ein Top-Jahrgang ... Wärme im
Frühjahr, ein feuchter Sommer und die Herbstsonne
…“, prophezeit Kirmann versonnen, dem
solche Zukunftsaussagen eigentlich widerstreben.
Das Harzer Weingut Kirmann ist in dem kleinen
Dorf Westerhausen zu Hause, welches ein Dreieck
mit Quedlinburg und Thale bildet. Ein kleinerer
Harzausläufer, an den sich Westerhausen schmiegt,
ist jener Königsstein, der im Dorf wegen der Form
zweier liegender Kamele auch Kamelfelsen
genannt wird. Die einprägsame Kontur des Königssteines
findet man im Logo des Harzer Weingutes
Kirmann und natürlich auch auf dem Etikett der
Weinflaschen.
Auf der Rebfläche am Westerhäuser Königsstein
gedeihen Riesling, Spätburgunder, Dornfelder und
der kräftige Cabernet Mitos. Daneben bewirtschaftet
der Harzer Winzer eine zweite Anbaufläche vor
den Toren Quedlinburgs, den Bornholzweinberg
mit Müller-Thurgau, Traminer und Weißburgunder.
Weingeografisch gehören die Harzer Rebflächen
zum Anbaugebiet Saale-Unstrut, obwohl dieses
120 Kilometer weit entfernt liegt. Doch eine Zugehörigkeit
muss sein, wenn man als Qualitätswein
anerkannt werden will. „Deutsches Schubladendenken“,
murrt Matthias Kirmann, der seine Meinung
stets konsequent vertritt, auch wenn sie mal
unbequem wird. Doch jemand mit einer weniger
starken Persönlichkeit hätte es wohl kaum gewagt,
dem Harzer Vorland Wein abzutrotzen.
DAS KLIMA ÜBERLISTEN …
„Der Trick besteht darin, das Klima zu überlisten,
indem ich den Ertrag begrenze“, erklärt der ebenso
eigenwillige wie kenntnisreiche Harzer Winzer.
„Der Rebstock wird sehr stark zurückgeschnitten
und es gibt auch eine Vorernte, bei der viele Trauben
herausgeschnitten werden, damit der Rest
optimal versorgt wird.“ Dementsprechend erntet
Matthias Kirmann nur 3.500 bis 4.000 Liter pro
Hektar und handelt damit nach dem für ihn unumstößlichen
Grundsatz Qualität vor Quantität. Seine
Kollegen anderenorts ernten etwa10.000 Liter pro
Hektar. Bei einer Gesamtfläche von 3,2 Hektar versteht sich, dass das Angebot des kleinen, aber feinen
Familienbetriebes begrenzt ist – hier bleibt
keine Flasche übrig. Die Kirmann-Weine haben
etwas Unverwechselbares, das nicht nur Kirmanns
Kunden schätzen. An der Wand der Kellerei prangen
diverse Auszeichnungen. So verlieh unter anderen
auch der Gault Millau Wine Guide 2008 dem
Harzer Wein seine „Traube“, eine Auszeichnung,
auf die Matthias Kirmann besonders stolz ist. Während
andere Winzer ihre Tropfen vorwiegend aus
Werbezwecken einem renommierten Prüfungsgremium
vorstellen, ist dies für den Harzer Weinbauer
ausschließlich eine Qualitätskontrolle aus persönlichem
Interesse. „Beim Thema Marketing ziehe
ich immer ein wenig die Handbremse an. Wir
machen nicht einmal ein Weinfest, da wäre unser
Wein ja noch schneller alle“, schmunzelt Kirmann.
Auf die Frage, was das Geheimnis seines Erfolges
ist, antwortet er bescheiden: „Ein guter Wein entsteht
draußen im Weinberg, nicht im Keller!“
VOM HOBBY ZUM BERUF
Noch vor der Wende im Jahr 1989 begann der Vermessungstechniker
Kirmann in seiner Freizeit
erste Reben anzupflanzen, die er über die Winzergenossenschaft
Saale-Unstrut bekam. „Ich wollte
wissen, was geht und was geht nicht“, erinnert
sich Matthias Kirmann, der schließlich auch feststellen
musste, dass Silvaner- und Portugiesertrauben
mit dem Boden seiner Heimat überfordert
sind. Als reiner Autodidakt arbeitete er sich an das
Winzerhandwerk heran, das er 1995 endgültig
vom Hobby zu seinem Beruf erhob.
Selbstredend hilft auch bei der alljährlichen Lese
eine Stammmannschaft aus dem Dorf. Hier legt
Matthias Kirmann auf schnelle und saubere Verarbeitung
größten Wert. Nicht nur, dass es in der
gesamten Kellerei blitzt und blinkt, der engagierte
Winzer lässt zudem jeweils nur so viel ernten, wie
er noch am gleichen Tage verarbeiten kann. Natürlich
erfolgt die Lese in versierter Handarbeit.
„Unser Wein entsteht durch echtes Handwerk, er
trägt unsere Handschrift. Wir haben keinen Wein
von der Stange und verkaufen auch nicht über den
Preis“, erklärt Matthias Kirmann.
80 Prozent seines Weines verkauft er direkt an private
Kunden. Zehn Prozent gehen in den Weinfachhandel
und weitere zehn Prozent in die Gastronomie.
So werden auch in Goslar in der „Worthmühle“
Weine von Matthias Kirmann kredenzt.
Eigentlich könnte er seine Anbaufläche gut verdoppeln,
doch auf so einen Gedanken lässt sich
der Weinexperte nicht ein. „Die Größe ist stimmig.
Würde ich mehr machen, wäre das gleich ein
Quantensprung an Investitionen. So passt alles zu
der Größe von Kellerei und Gebäuden.“ Natürlich
ist es auch der selbst auferlegte Qualitätsanspruch
des Harzer Winzers, der mit eherner Überzeugung
verkündet: „Schlechten Wein können andere besser
als wir!“ (ck)
FOTOS: KIRMANN
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