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Der Harzer Herbst und seine magischen Wurzeln

geschrieben von Corina Klengel im Oktober 2011

Vorbei sind sommerliche Temperaturspitzen, Hitzegewitter und das farbenfrohe Feuerwerk der Sommerblumen. Ein ruhiger Goldton überzieht Büsche und Bäume, die sich zum alljährlichen Schlaf in sich selbst zurückziehen. Der Herbst bildet die Brücke zwischen dem Temperament des Sommers und der Ruhe des Winters. Doch bevor man diese genießen kann, gilt es, die Korn- und Vorratskammern zu füllen. Der Herbst ist die Zeit des Schneidens, des Pflückens und des Erntens. Als Beginn des Herbstes wird traditionell die Tag-und-Nacht-Gleiche am 21. September angesehen. Es folgt der goldene Oktober, der vom Volk wegen der Notwendigkeit, Holz für den Winter zu sammeln, schnöde Holzmonat „Witumanot“ genannt wurde, und der Nebelmonat November. In diesem Herbsttrio war es der Oktober, der lange Zeit als heiliger Monat galt. Die der Ernte und Aussaat folgende Ruhephase wurde für politische Wahlen und Versammlungen, aber auch zum Heiraten genutzt. Selbst Könige hielten sich an diesen Brauch und heirateten bevorzugt im Oktober, obwohl sie weniger mit den Mühen der Landwirtschaft beschwert waren. Sprachgeschichtlich ist das Wort Herbst mit dem lateinischen Begriff „capere“ und auch mit dem englischen „harvest“ verwandt, beides bedeutet Ernte. Das letzte Korn wird geschnitten, Kartoffeln, Äpfel, Birnen, Gemüse und Trauben wollen verarbeitet oder eingelagert werden. In Zeiten überquellender Supermärkte hat die Bevorratung ihre Bedeutung für die Menschen zwar verloren, dennoch haben sich diverse Herbstbräuche gehalten, allen voran das Erntedankfest. Seit der Bischofskonferenz von 1972 gilt der erste Sonntag im Oktober als Termin für das katholische Erntedankfest. In evangelischen Gemeinden wird das Erntedankfest am Sonntag nach dem Michaelstag am 29. September begangen. Doch auch neben den kirchlichen Feiern gab und gibt es gerade im Harz vielfältige Bräuche, in denen sich die Freude über eine erfüllte Landwirtschaftsperiode ausdrückt. Ein im Harz nahezu vergessener Herbstbrauch ist der Abtrieb des Höhenviehs, der traditionell mit einem „Kuhball“ in der Scheune endete. Heute bleibt das Vieh in Stallnähe, doch Scheunenfeste werden noch immer gern gefeiert. Neben der gesunden Wiederkehr des roten Höhenviehs feierte man auch ganz bestimmte Naturgaben des Harzes, insbesondere seines Vorlandes. Gerste und Gosewasser bescherten der Region Goslar eine bis ins Jahr 1397 zurückreichende Tradition des Bierbrauens. Somit sind Oktoberfeste im Harz nichts Unbekanntes, dienten sie doch früher dem Aufbrauchen des Märzenbieres vor Beginn der neuen Brausaison. Am Fuße des Harzes wurden immer diverse Obstsorten und am Königsstein sogar Wein angebaut. Da gipfelt das „herbsten“ von Traminer und Weißburgunder auch schon mal in einem zünftigen Weinfest.

Bad Harzburg feiert alljährlich im Oktober, wenn sich die Kastanien der Bummelallee verfärben, das Der Harzer Herbst und seine magischen Wurzeln 25 FOTOS: STEFAN SOBOTTA Kastanienfest. Kastanienfeste, die sich ursprünglich auf Esskastanien beziehen, haben ihre Wurzeln in südlich gelegenen katholischen Gegenden. Dort galten geröstete Kastanien als traditioneller Leckerbissen, der vor allem in der Nacht vor Allerheiligen an Kinder und Bedürftige verschenkt wurde. Solche Form des Schenkens kennt man auch hier, nämlich im Heischebrauch, der zumeist dem Ernteabschluss folgte. Kinder gingen hierbei mit Heischeversen von Tür zu Tür und baten (heischen) um kleine Leckereien. Wer etwas zu geben hatte, stellte eine ausgehöhlte und zu einer Fratze geschnitzte Rübe mit Kerze darin ins Fenster. Die Rübe wurde irgendwann zum Kürbis und das Heischen verschob sich auf den 31. Oktober – Halloween.

ERNTEDANK UND HEISCHEBRAUCH

Wer meint, Halloween sei eine rein amerikanische Erfindung, dem sei gesagt, dass es sich dabei um eines der ältesten Herbstfeste überhaupt handelt. Das Wort Halloween entwickelte sich im katholischen Irland aus dem Begriff „all hollow evening“ – der Abend vor Allerheiligen. Dennoch hat dieses Fest so gar nichts mit der Kirche zu tun. Es handelt sich nämlich um das keltische Neujahresfest Samhain, welches die Kirche nie verhindern konnte und daher mit einem eigenen Festtermin ummantelte. Samhain war das höchste von vier keltischen Mondfesten, die über das Jahr verteilt jeweils eine Jahreszeit abschlossen. Der aus der Keltenzeit stammende Kalender von Coligny belegt, dass das einwöchige Samhainfest an einem Vollmond innerhalb der Zeitspanne Ende Oktober Anfang November begann. Man verabschiedete den Sommer (Samos) mit einem großen Festmahl, bestehend aus Schweinefleisch, das nach Ansicht der Kelten Unsterblichkeit verlieh. Noch heute gehören Spanferkel, Hax’n und der leckere Krustenbraten ebenso zum Oktoberfest wie das Bier.

Am Abend vor Samhain wurden alle Feuer gelöscht und die Feuerstellen gereinigt. Das Entzünden des neuen Feuers durch den Druiden ließ das neue Jahr rituell auferstehen. Das neue Feuer wurde mit Fackeln und Laternen in einer feierlichen Prozession durch das Dorf und in jeden Haushalt getragen. Auch beleuchtete man den Platz des gemeinsamen Males damit. Herbstliche Laternenumzüge gehen auf diesen Brauch zurück und sicher wanderte schon damals so manches Licht in ausgehöhlte Rüben oder andere geschnitzte Behältnisse, damit der herbsttypische Wind die Flamme nicht gleich wieder löschte. Der Weg von der Rübe zum Kürbis führte über Irland und die Sage von Jack O’Lantern, welche in die neue Welt reiste und von dort als schriller, kommerzgebundener Re-Import namens Halloween in die alte Welt zurückkehrte.

Dennoch haben selbst die Kostüme der Süßigkeiten heischenden Halloweenkinder ihren Ursprung im Samhainfest. An Samhain, so glaubten die Kelten, gab es kurzzeitig eine Verbindung zwischen den Welten. Eine dieser Welten gehörte den Lebenden, eine den Toten und eine weitere den Göttern. Von den Göttern erhoffte man sich Informationen darüber, ob man in der Zukunft reich an Gut und Kindern werden würde. Um mit den Göttern Kontakt aufzunehmen, setzte man Tiermasken auf, denn die Keltengötter hatten immer in einem Tier ihre Entsprechung. Diese Masken waren sicher nicht weniger gruselig als die Masken derer, die sich als dämonische Geister gaben, um selbige in die Welt der Toten zurück zu scheuchen. Maskeraden gehörten schon bei den Kelten zu Samhain.

HARZER HEXEN HABEN KELTISCHE WURZELN

Die keltischen Jahresfeste waren keineswegs nur auf die Inselkelten beschränkt. Imbolc (Anfang Februar), Beltane (Walpurgis), Lughnasadh (Anfang August) und Samhain wurden von allen Kelten gleichermaßen gefeiert. Auch und gerade im Harz finden sich viele Spuren früheren keltischen Lebens. Es ist sogar anzunehmen, dass die Verbindung zwischen dem Harz und seinen Hexen auf eben diese keltische Besiedlung zurückgeht, denn man sagt den mittelalterlichen Hexen nach, dass sie das Wissen der keltischen Druiden, insbesondere deren Heilkunst, anwendeten. Symbol des mittelalterlichen Hexenglaubens war der fünfzackige Stern, der nachweislich auch das Ehrenzeichen der keltischen Druiden darstellte.

Somit wird verständlich, warum man im magischen Harz so gern den Hexenhut aufsetzt – nicht nur an Halloween. (ck)

FOTOS: STEFAN SOBOTTA