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Bob Dylan: „Ich als Jude hier auf dem Naziplatz in Nürnberg!“

geschrieben von Hansi Hoffmann im November 2011

HANSI HOFFMANN , PR-MANAGER DER SUPERSTARS, ERINNERT SICH

Konzert-Guru Fritz Rau, erfolgreich erprobt in vielen Hundert Konzerten mit internationalen Superstars, tigerte hektisch rauchend und mit zerzausten Haaren immer wieder zwischen dem mittelgroßen Backstage-Zelt und der riesigen Bühne auf dem einstigen Reichsparteitag-Gelände in Nürnberg hin und her. Es war der 1. Juli 1978. Acht Monate zuvor hatte Rau in Los Angeles bei seinem Freund, dem Dylan-Manager Jerry Weintraub, den Millionenvertrag für die Europa-Tournee mit den allerersten Konzerten des Stars in Deutschland unterschrieben. Am Ende der tagelangen Vertragsverhandlungen schlug dann Rau mutig dem Sänger vor, das Finale der Deutschland-Konzerte als Open Air auf dem einstigen Reichsparteitaggelände in Nürnberg zu zelebrieren, wohl wissend, was dieser Ort für den Juden Robert Allen Zimmermann alias Bob Dylan bedeuten musste.

Als mir Fritz Rau von seinem Vertragspoker und dem Husarenstreich mit dem Aufmarschgelände der Nazis berichtete, vergaß ich meine dampfende Kohlroulade in unserem Bad Homburger Stammlokal „Wasserweibchen“. Bei unserem Planungsgespräch für die Dylan-Promotion in Deutschland konnte ich zögerliche Untertöne bei Rau heraushören, seine leichten Zweifel an dem Erfolg seines Nürnbergvorschlages. „Aber Dylan fand meine Idee nicht gut“, berichtete Rau. „Er kannte sogar das Gelände, denn er hatte diesen Nazi-Werbefilm „Triumph des Willens“ von der Hitler-Verehrerin Leni Riefenstahl – eine Dokumentation des Nazi-Aufmarsches in Nürnberg – als Video zuhause!“

Die US-Armee, die Teilbereiche des Geländes nutzte, gab problemlos ihr OK. Die Stadt Nürnberg, die fast eine halbe Million Mark als „Miete“ kassierte, machte durch idiotische Auflagen nur Probleme. Sogar die Naziparolen an den riesigen Steinquadern musste der Veranstalter selbst abkratzen. Die gigantische Soundanlage auf der XXL-Bühne wurde durch Lautsprechertürme inmitten des Geländes verstärkt. Immer wieder schauten wir in den Himmel. Dicke, dunkle Regenwolken hingen über dem Platz, auf dem mehr als achtzigtausend Dylan-Fans standen. Gitarrengott Eric Clapton begeisterte die Massen, im tosenden Beifall wurde die Bühne komplett abgeräumt, nur ein schwarzes Barrelhouse- Piano prangte in der Mitte. Der großartige Bluessänger Champion Jack Dupree, zugleich ein begnadeter Pianist, schaffte Momente der Besinnung nach dem krachenden Sound der Clapton Band.

Fritz Rau schluckte die vierte Captagon- Pille für sein flatterndes Nervenkostüm, trat die halbgerauchte Zigarette aus und zog mich in den Seitentrakt der Bühne. Noch im Finale-Applaus für den Blues- Heroe rollten die Techniker ein komplettes Bühnenset hinter einem Vorhang hervor und schoben es bis an den Bühnenrand. Keine Umbaupause für die Dylan-Fans. Eine logistisiche Meisterleistung!

Wenige Minuten nach dem letzten Pianoklang stand Bob Dylan am Mikrofon, begleitet von seinen sechs Musikern und den drei schwarz-weißen Backgroundsängerinnen. Vor dem Sänger über achtzigtausend endlos jubelnde Fans, in seinem Blickfeld gegenüber die Quader der protzigen Hitlertribühne. Bevor Dylan den ersten Ton sang, brach die dunkle Wolkendecke auf, und ein breiter Strahl der Abendsonne tauchte ihn in ein warmes Licht. Achtzigtausend fielen kreischend in Ekstase. Rau brüllte mir ins Ohr: „Das ist göttlich, er ist gekommen – der Messias unserer Rockkultur!“ Dylan begann sein Programm mit „Like A Rolling Stone“, der Jubel fand einfach kein Ende. Mit seiner weltberühmten Stimme, die so klang, als käme sie über die Mauer eines Tuberkulose-Sanatoriums, löste er eine Hysterie nach der anderen aus. „Hurricane“ – Jubel – „Knockin’ On Heavens Door“ – Klatsch-Orkan – „It’s All Over Now, Baby Blue“ – Kreisch-Attacke! Dann stand der Star plötzlich mutterseelenallein am Bühnenrand, mit seiner verkratzten Akustikgitarre und das Gestell mit der Mundharmonika von dem Mund. „Mister Tambourine Man“, „The Times They Are A-Changin’“ – endloser Jubel. Als Dylan zum Finale „Blowin’ In The Wind“ anstimmte, stand plötzlich Eric Clapton mit seiner Gitarre neben dem Sänger, und gemeinsam sangen sie die Hymne einer verlorenen Generation. Rau, der neben mir immer stiller geworden war, fiel mir plötzlich in die Arme, heulte lauthals und schluchzte immer wieder. „Die ganze Arbeit hat sich gelohnt. Ich bin glücklich.“

Zwei Stunden später saßen wir zu einem kleinen Imbiss im internen Kreis in der Brasserie des Nürnberger Grand Hotels. Der sonst so wortkarge Dylan war geradezu in Plauderlaune. „Dieses Konzert in Nürnberg war das Ergreifendste meiner bisherigen Karriere“, gestand der Star. „Ich werde ab heute immer wieder gerne nach Deutschland kommen!“ Acht Stunden später fuhren wir in einem angemieteten Salonwagen der Bundesbahn – Dylan wollte die Europa-Tournee mit der Eisenbahn absolvieren – zur nächsten Konzerstation Paris. Dylan grinste nur, als wir ihm sagten, dass er gerade im Ohrensessel des einstigen Reichsmarschalls Hermann Göring saß, denn für ihn hatte einst die Reichbahn diesen Luxuswaggon gebaut.

Elf Jahre später – Mai ’89. Dylan startete seine große Europatournee mit „The Band“ und als Gäste „Tom Petty & The Heartbreakers“ in der ausverkauften Messehalle von Basel. Zusammen mit Journalisten vom „Spiegel“, vom „Stern“ und dem Musikspezialisten Wolfgang Sandner von der „Frankfurter Allgemeinen“ war ich nach Basel geflogen, weil uns das Dylan-Management drei Interviews von je fünfzehn Minuten zugesagt hatte. Im Fünf-Sterne-Hotel „Drei Könige“ hatte ich auf dem gleichen Flur der Dylan-Suite den kleinen Salon „Ascona“ zum Halbtagspreis von 650,00 Franken – acht Mini- Flaschen Selters und Apfelsaft inbegriffen – für die Interviews angemietet. Liz Carshon, das Mädchen für alles beim Dylan-Management, begrüßte uns mit sorgenvollem Gesicht und deutete an, dass „Mister Dylan“ sehr schlecht geschlafen hätte, nach dem Soundcheck bis zum Konzert unbedingt Ruhe brauche und „please be so generous to have the interviews next morning.“ Wir hatten natürlich keine Wahl. Jetzt gehörte uns acht Stunden ein Luxus-Salon in der 900-Jahre alten Herberge, ausgestattet mit wertvollen Gemälden und Gobelins, besucht von unzähligen europäischen Kaisern und Königen – aber kein Bob Dylan. Als kleines Trostpflaster ließ ich ein opulentes Essen von sechs Gängen mit verschiedenen Rot-und Weißweinen auffahren. Jeder meiner drei Gäste wusste während des „Goodwill and hopeful“-Menüs aus den tiefsten Recherchequellen über Dylan etwas sehr Persönliches zu erzählen. Von der Joan Baez-Tournee ’63, bei der Dylan als Newcomer im Vorprogramm auftrat, der Veranstalter ihn rausschmeißen wollte, weil er so grottenschlecht sang. Doch Joan Baez hielt an ihm fest, da sie mit ihm bereits das Bett teilte; oder die Hochzeit 1965 mit Sara Lowndes, die bis zur Scheidung nach zehn Ehe-Jahren für den ganzen Dylan-Clan eine absolute Geheimsache war. Zwei Management-Mitarbeiter wurden sogar gefeuert, weil sie geplaudert hatten. Über seinen schweren Motorrad- Unfall 1966, der dem Sänger einen gebrochenen Halswirbel und weitere Blessuren einbrachte, wurde geflüstert, dass der Star durch einen bösen Cocktail aus Drogen und Alkohol in seiner Fahrtüchtigkeit gehandicapt war und mit einer nicht gerade kleinen Summe an Bestechungsgeldern die genauen Umstände der Unfallursache höchst diskret unter den Teppich gekehrt wurden.

Die nächste Überraschung erwartete meine Reportergäste in der Baseler Messehalle. Die Presseplätze waren direkt vor dem rechten Sound-Verstärker- Turm. Hinzu kam, dass der berühmte „Stern“-Fotograf Robert Lebeck seine Kameras an der Garderobe abgeben sollte. Dylan hatte ein totales Fotoverbot für die ganze Tournee angeordnet. Aus Protest fuhr das „Stern“-Team mit dem Nachtexpress von Basel zurück nach Hamburg, verschenkte die vollbezahlten Eintrittskarten.

Bei diesem Konzert lernte ich eine ganz neue Attitüde im Showbusiness kennen. Bob Dylan schlurfte mit Gitarre auf die Bühne, drehte den Mikrofonständer einmal um die eigne Achse, stellte sich mit dem Rücken zum Publikum und sang und spielte neunzehn seiner Songs, verlor nicht ein Wort an seine Fans, missachtete den Beifall und ging ohne jede Zugabe von der Bühne.

Miss Liz Carshon erklärte am nächsten Mittag, dass wohl kaum eine Chance für die zwei Interviews hier in Basel bestände, weil „Mister Dylan“ sehr spät am Vorabend zur Ruhe gekommen sei. Aber in zwei Tagen in München, da gäbe es sicher eine Chance …

FOTO: STONED59 / F. ANTOLÍN HERNÁNDEZ / FLICKR.COM / CC2.0

Der Autor

ZU „BACKSTAGE – streng vertraulich!“

Hansi Hoffmann ist ein alter Hase. Seit fast fünfzig Jahren tummelt er sich in der Haifischbranche, besser bekannt als Showbusiness. Als gefragter Pressemann und Promotionprofi arbeitete er mit allen Größen im weltweiten Tourneegeschäft – von den Stones, Beatles, Pink Floyd, Genesis und The Who, von Bon Jovi, Metallica, Simple Minds, Bryan Adams und Kiss, bis zu Kylie Minoque, Abba, Sinatra, Sammy Davis jr., Harry Belafonte, Lionel Richie, die Ofarims und Neil Diamond. Auch Deutschlands Superstars starteten ihre Erfolgstourneen mit Hoffmanns Hilfe – Udo Jürgens, Peter Kraus, Nana Mouskouri, Udo Lindenberg, Gitte, Rex Gildo und Conny Froboes, auch Ute Lemper, James Last, Westernhagen, Grönemeyer, Peter Alexander und Caterina Valente. Gigantische Shows und Festivals wie „Rock am Ring“, „Begnadete Körper“ von Heller, „Riverdance“, David Copper- field, „Lord of the Dance“ wurden durch Hoffmanns Engagement zu Mega-Erfolgen. Allein alle von Hoffmann betreuten Tourneen, Künstler und Events würden ein eigenes Buch füllen; und er war immer mittendrin, hautnah an des Künstlers Seite, und manchmal sogar noch mehr! In „Backstage – streng vertraulich“ gelingt Hoffmann eine spannende Mischung aus Erlebtem, Erlauschtem und Verborgenem vor und hinter den Showbühnen, dem scharf bewachten Backstage-Bereich. Aus einstigen Schlagzeilen hat Hoffmann ein farbiges Dokument formuliert. Eines haben alle Episoden gemeinsam: sie sind passiert, sie haben an den Plätzen, in den Studios, in den Ländern einmal stattgefunden, und Hansi Hoffmann war dabei! In vielen Notizen, Ordnern und Terminkalendern fanden sich Erinnerungen, die nun als Dokumentation mit echten Namen, Orten, Terminen und Mitstreitern wiederbelebt werden.

Hoffmanns Erzählungen einmal in einem ganz anderen Licht – nicht investigativ, mehr protokollarisch, amüsant, informativ und detailgetreu: kein Reißer, keine Enthüllungsbiografie, keine Effekthascherei auf Kosten der Stars – einfach nur ein Dokument über eine Branche, die große Kapitel des Zeitgeistes beeinflusst hat – und es auch noch immer tut