Handschuhe vom Feinsten
geschrieben von Stefan Sobotta im Februar 2012Die Tradition hat kaum noch Zukunft

Bernd Vojtisek ist Handschuhmacher in der
vierten Generation. Er ist einer der letzten
Handwerker in diesem aussterbenden Beruf
und vielleicht der letzte Handschuhmachermeister
in Deutschland. Ein Handwerk, das im 19. Jahrhundert
zu großer Blüte kam, stirbt langsam aus.
Im Februar 2011 wurde der Ausbildungsberuf
sogar aufgehoben, da in den vergangenen Jahren
kaum noch Nachwuchs Interesse zeigte.
Bereits Vojtiseks Urgroßvater produzierte Handschuhe
in seiner schlesischen Heimat. Während
des Krieges zog die Familie in die Gegend nach
Lochtum und machte sich schließlich in Vienenburg
selbstständig. In den folgenden Jahren wuchs
der Betrieb auf bis zu 40 Mitarbeiter. Man produzierte
für den Einzelhandel, aber auch in größerem
Maßstab für Behörden wie Bundeswehr oder Polizei.
Neben solchen Serien produziert der kleine
Betrieb aber auch immer wieder Einzelstücke, beispielsweise
für orthopädische Spezialfälle. Auch
modische Sonderwünsche der Kunden werden
gern erfüllt, wenn das passende Leder verfügbar
ist. Leder ist der Grundstoff für feine Handschuhe
und hier legt Vojtisek großen Wert auf eine hohe
Qualität. Vor allem die Haut des Peccary-Schweins
zeichnet sich durch eine außergewöhnliche
Geschmeidigkeit bei gleichzeitiger Haltbarkeit
aus. Diese Wasserschweinerasse ist in Südamerika
beheimatet und der Handel mit ihren Häuten ist
genau reglementiert. Oft werden die Felle selbst
ausgesucht, eingekauft und zum Gerber gebracht.
Die besten Qualitäten kommen aus Südamerika
(Peccary-Leder) oder Afrika. Das Leder, das er verwendet,
nutzt er aus bis auf winzig kleine Reste.

Aber nicht nur die Beschaffung von gutem Leder
ist oft nicht ganz einfach; selbst die Spezialnadeln,
die in diesem Handwerk verwendet werden,
sind heute nicht mehr alle erhältlich. „Es wird
immer schwieriger“, klagt der Vienenburger, der
zwar eigentlich Radio- und Fernsehtechniker werden
wollte, dann aber doch durch die Familiengeschichte
in seinen jetzigen Beruf gekommen ist.
Vojtisek ist Handschuhmachermeister mit Leib
und Seele. Der Umgang mit den feinen Materialien
ist beim ihm nie Selbstzweck, sondern immer nur
der Weg zum guten Produkt. Der sensible und
fachgerechte Umgang mit dem Leder ermöglicht
erst das Entstehen feinster Handschuhe. Als Erstes
wird das Leder mit einer Falzmaschine auf die
gewünschte Stärke gebracht. Dabei wird es quasi
abgeschliffen. Bevor es geschnitten wird, weicht
Vojtisek es ein, um es geschmeidig zu machen,
und zieht es längs und quer über die Tischkante:
der sogenannte Tafelschnitt. Der Zuschnitt erfolgt
mit einem sogenannten Kaliber, das ist ein Ausstechmesser
in Handschuhform. Die Kaliber gibt
es in verschiedenen Größen und sie sind zusätzlich verstellbar für eine optimale individuelle Passform. Mit einer hydraulischen
Presse wird dann damit der Zuschnitt aus dem Leder gemacht.
Hand und Däume, also die Daumen, werden einzeln ausgestanzt.
Handschuhmacherei ist eine alte Kunst mit traditionellen Werten und Begriffen. So haben Handschuhmacher viele Fachbegriffe. Nicht nur die Däume gibt es bei ihrer Arbeit, sondern auch Ventierung (Reste beim Zuschnitt), Ampome (Abstand Finger zum Daumen) und Plie (Mitte zwischen den Handschuhhälften). Gemessen wird alles in französischen Zoll.
Nicht ganz so alt wie die Begrifflichkeiten, aber auch oft historisch sind die
Maschinen, die in Vienenburg rattern. Spezialnähmaschinen, wie sie hier
Verwendung finden, gibt es oft nicht mehr auf dem Markt. Viele der benutzten
Geräte sind älter als Bernd Vojtisek selbst. Auch die Reparatur dieser
Kostbarkeiten hat er notgedrungen in die eigene Hand genommen: Der
Mechaniker aus dem süddeutschen Raum, zu dem er sie früher gebracht
hat, ist mittlerweile verstorben. „Ich habe sie oft am Wochenende in den
Kofferraum gesteckt und bin selbst hingefahren. Dann habe ich dabei
gesessen und zugeschaut, was er macht und irgendwann konnte ich das
auch selbst“ bringt es der Handschuhmachermeister auf den Punkt. Acht
Angestellte arbeiten für die Firma, viele davon in Heimarbeit. „Alles sehr
gute Fachkräfte“ betont Vojtisek.
Um die 80 verschiedene Arbeitsschritte sind notwendig, bis ein Handschuh
fertig ist: Vorbereiten des Leders, ausstanzen, verschiedene Nähschritte,
einfügen des Futters, bügeln. Viel Arbeit und Wissen steckt die Manufaktur
in ihr Produkt. Die hohe Qualität ist nicht vergleichbar mit den heute üblichen
Massenprodukten aus Fernost.
Verkauft werden die Handschuhe „Made in Germany“ über Spezialgeschäfte
in ganz Deutschland und natürlich über Herrenausstatter. (sts)
Fotos: Stefan Sobotta
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