Dieter Freesemann
geschrieben von Ursula Jung im Februar 2012„Wenn Papa reden kann, dann ist er zufrieden“

„Wenn Papa reden kann, dann ist er zufrieden“,
sagt Thalia, die Tochter von Dieter Freesemann
und der Vater redet: über die Kultur in Goslar, den
Erhalt des vielfältigen Angebots, die Pflege und
entsprechende Vermarktung der Sehenswürdigkeiten.
Besonders gern spricht Freesemann in der Kaiserpfalz.
Seine Führungen sind legendär, wenn er
kenntnisreich und unterhaltsam den Bogen von
Karl dem Großen bis zur bundesrepublikanischen
Wirklichkeit spannt. Das kann dann auch schon
mal zwei Stunden dauern. Zum Vergleich: Eine
Standardführung im Kaiserhaus dauert etwa eine
halbe Stunde. Aber seine Zuhörer sind begeistert.
Bei Freesemann wurde die Liebe zur Pfalz und zur
deutschen Geschichte bereits im Grundschulalter
geweckt. Der Ostfriese wurde 1943 im Landkreis
Leer im Schatten der Meyer-Werft geboren. Aufgewachsen
ist er kriegsbedingt überwiegend bei den
Großeltern auf einem kleinen Bauernhof. Im Ortsteil
Mitling des 200-Seelendorfes Mitling-Mark
gab es nur drei Höfe, eine Kirche und ein Pfarrhaus.
Geschichtsinteresse durch den Lehrer
Der Traumberuf des Schuljungen: Landwirt. Dorfschullehrer
Eckard Müller, von dem Freesemann
heute noch mit Rührung spricht, war ein ehemaliger
Schauspielschüler von Gustaf Gründgens und
legte als „hervorragender Pädagoge“ den Grundstein
für das Geschichtsinteresse seines Schülers.
Aufgrund eines Magenleidens fuhr dieser Pädagoge
einmal pro Jahr zur Kur nach Braunlage und
besuchte regelmäßig Goslar und die Kaiserpfalz.
Zurück in Ostfriesland berichtete er einprägsam
von seinen Begegnungen mit den Gemälden von
Hermann Wislicenus im Kaisersaal.
Als Freesemann 1963 seinen Dienst beim Bundesgrenzschutz
antrat, war sein
erstes Ziel die Kaiserpfalz. Er
kannte jedes Detail der monumentalen
Historiengemälde und „hätte
sofort eine Führung machen können“.
Bis dahin war es jedoch ein langer
beruflicher Weg, der ihn zwar nicht
in die Landwirtschaft, aber schließlich
in die alte Reichsstadt führte.
Einer Lehre als Werkzeugmacher und
einer kurzen Anstellung in einer
Maschinenfabrik sollte eigentlich der
Wehrdienst folgen. Als Kind eines
Spätheimkehrers und vor dem Hintergrund
schmerzlicher
Kriegserfahrungen
der Eltern zog es Freesemann nicht
zum Dienst an der Waffe. Der Großvater
jedoch, Landwirt und Fischer, vertrat
die Überzeugung, man müsse seinem
Land dienen und schlug dem Enkel eine
Bewerbung bei der Polizei vor. Nach 18 Monaten
könne er kündigen und hätte damit seinen „Wehrersatzdienst“
geleistet. Freesemann bewarb sich
beim Bundesgrenzschutz – und blieb. Zufällig
waren gerade Stellen in Goslar zu besetzen…
Zunächst fand er jedoch keine Zeit für ein ehrenamtliches
Engagement. Freesemann qualifizierte
sich für den gehobenen Dienst mit einem berufsbegleitenden
Studium in Lübeck, das er als Diplom-
Verwaltungswirt abschloss.
Anfangs keine Zeit für Ehrenämter
Er wurde zunächst Stellvertretender Hundertschaftsführer,
dann Leiter des Stabes, Hundertschaftsführer
und schließlich Chef des Bundesgrenzschutzes
in Goslar. Parallel engagierte er
sich seit 1972 ehrenamtlich bei der International
Police Association (IPA), die in Deutschland knapp
60.000 Mitglieder zählt und deren Generalsekretär
er von 1987 bis 1999 war. Tausende seiner
Kollegen hat Freesemann durch die Stadt geführt
und mit hohem persönlichem Einsatz das Besondere
der historischen Kleinode Goslars vermittelt.
Das Ende der DDR bedeutet
im Jahr 2000 auch das Aus für den Standort der
Grenzschutzabteilung West 2. Freesemann, der
Anfang der 60er Jahre noch „die Zeit der gemeinsamen
Zigarette“ mit den DDR-Grenzern erlebt
hatte, übernahm im sächsischen Bad Düben wieder
das Amt eines Hundertschaftsführers und
gleichzeitig die Leitung des Führungsstabes. Mitte
2004 trat er in den (Un-)Ruhestand und hat seitdem
seine ehrenamtliche Tätigkeit in Sachen Kultur
stetig ausgebaut.
Die Kulturinitiative hat mit Freesemann einen agilen
Vorsitzenden zur Wahrnehmung von Interessen
in unterschiedlichsten Bereichen mit dem Ziel,
„einen wirksamen Beitrag zum Erhalt der Baudenkmäler
sowie weiterer Kulturgüter und kultureller
Einrichtungen zu leisten“. Die plakative
Losung der Initiative: „Einmischen, Position beziehen,
Öffentlichkeit herstellen“, klingt wie ein
Befehl und scheint auf den Vorsitzenden zugeschnitten.
Unerträglich: Goslar ohne Kulturkonzept
Freesemann gilt als kompetenter Ansprechpartner
für Verwaltung, Politik und Bürger. Neben vielen
Einzelprojekten, wie die sponsorenfinanzierte
Restaurierung des Kinderbrunnens
oder die Patenschaft für den Ulrichschen
Garten, engagiert sich der Verein
auch bei der Erarbeitung zukunftsorientierter
Konzepte für die Kaiserstadt.
Dass die Welterbestadt kein Kulturkonzept
hat, findet Freesemann „unerträglich“
und arbeitet unermüdlich daran,
den „Raubbau an der Kultur zu stoppen“.
Die Fortführung der international
beachteten Konzertarbeitswochen
unter der Regie der Kulturinitiative
stellt eine logische Konsequenz dar.
Obwohl in Goslar alle Hände voll zu
tun, übernimmt Freesemann nach
seiner Pensionierung die Präsidentschaft
für das deutsche Polizeimuseum
in Salzkotten bei Paderborn,
das er mit seinen nationalen und internationalen
Kontakten unterstützt.
Und – gibt es zwischen den beiden Polen Polizei
und Kultur noch ein anderes Leben? Das Drechseln
von Schalen oder Kerzenständern und das
Lesen, bevorzugt Literatur zum Thema Mittelalter,
gehören zu den Beschäftigungen, denen Freesemann
in der knapp bemessenen freien Zeit nachgeht.
Um sich fit zu halten, steht auch das
Schwimmen (fast) täglich auf dem Programm.
Jeweils zwei Kilometer werden pro Tag zurückgelegt,
außer samstags und sonntags, das hat Freesemann
seiner Frau Karla versprochen.
liebe zum Tee zeigt den Ostfriesen
Mit ihr ist er seit 45 Jahren verheiratet und sie
begleitet alle Aktivitäten ihres Mannes diskret
unterstützend. Von gemeinsamen Reisen in die
„alte“ Heimat Ostfriesland kehren Freesemanns
immer mit Tee im Gepäck zurück, denn Teestunde
wird ab 6.00 Uhr morgens mindestens drei- bis
viermal am Tag zelebriert. Da ist Dieter Freesemann
dann doch echter Ostfriese, obwohl er alle
anderen typischen Wesenszüge seiner Landsleute
nicht aufweist. (uju)
fotos: ursula jung
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