Der Kaiserring der Stadt Goslar
geschrieben von Sidney Gromnica im Oktober 2011„INDEM DIE STADT DIE KÜNSTLER EHRT, EHRT SIE SICH SELBST“
Er hat die Stadt Goslar in der Welt der Kunst und darüber hinaus berühmt gemacht, der „Kaiserring der Stadt Goslar“. Diese begehrte Auszeichnung ist ein goldgefasster Aquamarin mit dem von unten eingravierten Bildnis Kaiser Heinrichs IV. Er wurde von dem Worpsweder Goldschmiedemeister Hadfried Rinke entworfen, und die jeweiligen Exemplare für die Preisträger werden bis heute von ihm angefertigt. Im Jahre 1974, als eine engagierte Gruppe von Goslarer Bürgern sich dazu entschlossen hatte, in der Kunstszene tätig zu werden, war an die spätere Aufnahme in ein „Weltkulturerbe“ dieser mit Bauten aus dem Mittelalter und der Renaissance reichlich gesegneten Stadt nicht zu denken. Sie hatte zu jener Zeit ihre liebe Mühe, mit den tagtäglichen Erfordernissen zurecht zu kommen. Kunst wurde daher als ein Luxus angesehen, den man sich nicht leisten konnte – und häufig auch nicht wollte.

EIN MÄZEN ERGREIFT DIE INITIATIVE

Hier trat Peter Schenning auf den Plan. Vom Wirtschaftswunder
begünstigt, hatte er die „Junior-
Werke“ aufgebaut, die Bauelemente herstellten.
Er leistete sich den Luxus, moderne Kunst zu sammeln.
Er hatte seinem Unternehmen auch eine
Kette von „Junior-Galerien“ angeschlossen, die
diese Kunst zeigten. Schließlich trennte er sich
vom größten Teil seines Unternehmens und behielt
nur noch eine Glasfabrik. Wie er selbst sagte, hatte
er nun endlich die Zeit, die er für ein ehrenamtliches
Kunstmanagement benötigte.
Er stand nicht allein und so gründete eine Gruppe
von engagierten Bürgern den „Verein zur Förderung
moderner Kunst e.V. Goslar (VFK)“. Mit der
Stiftung eines ideellen Kunstpreises sollte nun ein
international beachtetes Zeichen gesetzt werden.
Man beschloss daher, einen Künstler zu ehren, der
auch international an hervorragender Stelle stand.
So entschied die Jury sich, nach den Sternen zu
greifen, und nominierte den englischen Bildhauer
Henry Moore. Seine monumentalen Bronzeplastiken
hatten ihm einen exorbitanten internationalen
Ruhm gebracht .
Eine Schwierigkeit bestand allerdings: Würde dieser
renommierte Künstler die Ehrung ablehnen,
dann hätte man die Idee begraben müssen. Kein
anderer hätte sich bereit erklärt, gewissermaßen
als die „Nummer Zwei“, den Ring anzunehmen.
HENRY MOORE AKZEPTIERT DEN ERSTEN KAISERRING
Henry Moore, der mit der Berliner Bronzegießerei
Noack – sie gossen fast alle seiner Skulpturen –
ausnehmend gute Erfahrungen mit Deutschland
und den Deutschen gemacht hatte, war als Engländer
durchaus bereit, die Ehrung einer deutschen
Stadt anzunehmen. Aber er wollte dieses
Goslar erst einmal persönlich in Augenschein nehmen
und kam im Jahre 1975 mit seiner Tochter
Mary für zwei Tage in die Kaiserstadt, während die
Verleiher des ausstehenden Kunstpreises im Wechselbad zwischen Bangen und Hoffen verharrten.
Henry Moore aber war von der Stadt Goslar
mit ihren architektonischen und kulturellen Schätzen
begeistert, nicht zuletzt auch von der freundlichen
Aufnahme, die er gefunden hatte. Er fühlte,
dass man hier ernsthaft an Kunst und nicht nur an
Reklame interessiert war.
„It is a great honour for me“, sagte er und begründete
damit die Tradition der Kaiserringverleihung
der Stadt Goslar. Die Initiatoren des Kunstpreises
konnten erleichtert aufatmen.
Max Ernst, Joseph Beuys, Georg Baselitz, Jörg Immendorf,
Andreas Gursky und David Lynch sind
nur einige der Künstler, denen diese Ehrung zuteil
wurde. „Indem die Stadt die Künstler ehrt, ehrt
sie sich selbst“, formulierte Dieter Honisch in seiner
Laudatio auf Richard Serra im Jahre 1987
sehr treffend die Bedeutung des Kaiserrings. Auch
in diesem Jahr wird der begehrte Kunstpreis wieder
verliehen und geht an die aus Schwerte stammende
Künstlerin Rosemarie Trockel.

HEIMSTATT MÖNCHEHAUS-MUSEUM
Die moderne Kunst brauchte eine Heimstatt, und
so kam das Mönchehaus Museum Goslar als ein
Museum für moderne und zeitgenössische Kunst
für die Zwecke des Vereins dazu. Gegründet wurde
das Museum im Jahre 1978 wiederum durch Peter
Schenning. Ziel war unter anderem, für die internationalen
Preisträger des neu geschaffenen Goslarer
Kaiserrings ein würdiges Ausstellungshaus zu
schaffen. Das 1528 errichtete Mönchehaus gehört
zu den schönsten Ackerbürgerhäusern in der historischen
Altstadt von Goslar. Der dreistöckige
Fachwerkbau dient seit seiner Umgestaltung auch
als Sitz des Goslarer Kunstvereins. Der Verein
führt das Museum seit dessen Gründung in künstlerischer
und administrativer Verantwortung.
Schon in der Person des ersten Preisträgers wurde
der Anspruch dieses Kunstpreises deutlich: Henry
Moore ist der erste Träger des Goslarer Kaiserrings
und der erste einer langen Reihe von Menschen,
deren Werk die „Kunst unserer Zeit wesentliche
Impulse zu verdanken“ hat, wie es in der Verleihungsurkunde
heißt. Eine aus Bürgern und angesehenen
Kunstexperten bestehende Jury achtet
darauf, dass die Messlatte hoch liegt. Ihr ist es zu
verdanken, dass der schlichte Goldreif mit dem
Bildnis des „Goslarer” Kaisers Heinrich IV. heute
einer der international begehrtesten Kunstpreise
ist. (sg)
FOTOS: MÖNCHEHAUS / STEFAN SOBOTTA
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