Bullerbü gefunden
geschrieben von Sidney Gromnica im November 2011GUT OHLHOF – EIN MODELL ZUM ABGUCKEN

Der Weg nach Bullerbü: Verlassen Sie auf
dem Weg vom Bad Harzburger Dreieck nach
Goslar die B6n in Richtung Hahndorf, nehmen
die erste Abfahrt scharf rechts, dann durch
die große Baumallee und Sie sind da – das gelbe
Ortsschild sagt zwar „Gut Ohlhof“, aber eigentlich
sind Sie in Bullerbü angekommen.
Die erfolgreiche schwedische Autorin Astrid Lindgren,
geb. Ericsson, die eine ganze Reihe Kinderbücher
geschrieben
hat, beschreibt ihre
Kindheit in Vimmersby,
das sie dann
in ihren Romanen
Bullerbü nennt, so:
„Gunnar, Astrid,
Stina und Ingegerd,
so hießen die Ericssonskinder
auf Näs.
Es war schön, dort
Kind zu sein, und
schön, Kind von
Samuel August und
Hanna zu sein.
Warum war es schön?
Darüber habe ich oft
nachgedacht, und
ich glaube, ich weiß
es. Zweierlei hatten
wir, das unsere Kindheit
zu dem gemacht
hat, was sie gewesen
ist – Geborgenheit
und Freiheit.“ Besser
kann man das Gefühl nicht ausdrücken, das einen
beim Gang durch die Gutsanlage von Ohlhof überkommt,
die einige Jahrhunderte in der Hand der
Goslarer Familie Siemens war und aus der der
bekannte Erfinder und Industrielle Werner von Siemens
stammt. Es ist dieses Gefühl von Geborgenheit
und Freiheit, das einem sofort auffällt – und
das alles in einer Ruhe, die keineswegs verschlafen
oder stumpfsinnig ist und auf die das Wort
„intensiv“ genau passt.
Ob am Teich am Ortseingang, auf dem Enten ihre
Kreise ziehen, am Brunnen in der Mitte der Anlage,
in der kleinen Straße, die so sehr an skandinavische
Orte erinnert, überall ist diese „intensive
Ruhe“ zu spüren. Diese Atmosphäre kommt aber
nicht von ungefähr. Es bedurfte der Initiative aller
Bewohner der Anlage, um sie schließlich so zu
gestalten, wie sie heute ist. Und das war nicht einfach.
Die Grundstücke der Gutsanlage befinden
sich nicht in einer Hand: Gemeindeland, Land,
das der Kirche gehört, die einzelnen Hausbesitzer
als Privateigentümer und der Investor, der das Projekt
angeschoben hat, sind Grundstückseigentümer,
deren Interessenlagen erst einmal koordiniert
werden mussten. Dazu war es notwendig, ein aktionsfähiges
Forum zu haben.
Die „Gut Ohlhof Fördergemeinschaft e.V.“ hatte es
sich zum Ziel gesetzt, den Übergang von einem
ehemaligen Wirtschaftsbetrieb zu einem reinen
Wohngebiet zu schaffen und, über private Einzelinteressen
hinaus, das Allgemeinwohl nicht aus
den Augen zu verlieren. Die einzelnen Interessen
waren alles andere als einfach zu koordinieren –
denn das wollte die Fördergemeinschaft: „Wir sind
Bürger mit Initiative, aber keine Bürgerinitiative,
die die Interessen polarisiert und gegen Organisationen
oder die Obrigkeit motzt“, meint der erste
Vorsitzende Ralph Bogisch. „Wir haben weder Zeit
noch Lust, uns mit
Protestaktionen aufzureiben.“
Dazu
waren und sind die
Probleme auch zu
vielfältig: Denkmalspflege,
Verkehrsr
a u m g e s t a l t u n g ,
U n f a l l v e r h ü t u n g ,
Landschaftspflege,
Natur- und Umweltschutz
und schließlich
und endlich die
Integration neuer
Anwohner ist die
Palette von Aufgaben,
die es zu bewältigen
gilt.
Dadurch, dass wir
immer auf Integration
und Zusammenarbeit
setzen, haben
wir es geschafft, die
Gutsanlage für uns
wohnlich zu gestalten und, was sehr wichtig ist,
ein gutes Verhältnis auch zu städtischen Einrichtungen
zu haben“, führt Arne Borrmann aus, der
für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Fördergemeinschaft
zuständig ist. „Gerade die Sicherheit
unserer Kinder ist wichtig und da brauchen wir die Zusammenarbeit mit allen zuständigen
Stellen.“ So soll in absehbarer Zeit die Abzweigung
zur Gutsanlage entschärft werden, damit
Kinder ungefährdet die Straße überqueren können.
Eine geschickt geänderte Straßenführung,
die die Autofahrer um eine Verkehrsinsel herum
dirigiert, wird nun in Angriff genommen.
„Es macht keinen Sinn, die leeren Töpfe der Städte
zu beklagen und die Hände untätig in den Schoß
zu legen. Die Lasten müssen auf mehrere Schultern
verteilt werden. Und dazu muss man auch durch
eine Vorleistung der Fördergemeinschaft zeigen,
dass man ernsthaft interessiert ist“, ist das Credo
von Ralph Bogisch. Auf mehrere Schultern zu verteilen
– dieses Prinzip hat sich bewährt, auch in der
Gestaltung der Anlage. In dieser Gemeinschaft
befinden sich Menschen mit den unterschiedlichsten
Fähigkeiten, die es möglich gemacht haben, ein
solch stimmiges Konzept zu realisieren. Aber es
sind nicht nur die fachlichen Fähigkeiten, die eine
große Rolle spielen – wichtig ist vor allen Dingen,
dass der Wille zum Zuhören und gegenseitigen Verstehen
gegeben ist. Auch wenn es manchmal auf
den Versammlungen heiß hergeht, man ist sich im
Grundsatz einig. Deshalb können für viele Probleme
Lösungen gefunden werden, die schließlich alle
zufrieden stellen.
Synergie – die Wirkung ist eine Gemeinschaftsleistung
– das ist ein Prinzip, das man so häufig in der
Natur vorfindet, aber für Menschen erst einmal
schwer zu realisieren ist. Wie man aber an der
Gemeinschaft von Gut Ohlhof erlebt, ist es nicht
unmöglich. Und, wie man bei genauem Hinsehen
erfahren kann – erfolgreich! Dass die Nachbarschaft
sich gegenseitig hilft, ist hier nicht unbekannt
und eigentlich die Regel. Dabei werden klugerweise
auch die Freiräume der einzelnen Bewohner
respektiert. Wenn jemand zum Beispiel beim
winterlichen Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen
See nicht mitmachen will, ist das seine
Sache, obwohl ihm dann der Glühwein und die
gute Stimmung entgehen.
Die eigentlichen Nutznießer dieser Situation sind
die Kinder. Sie können in einer Umwelt aufwachsen,
in der das „Draußen“ nicht immer nur eine
Gefahr darstellt, sondern eben auch die Möglichkeit,
Erfahrungen zu sammeln. Der Rückzug in virtuelle
Welten ist einfach nicht erforderlich. Das ist
die Botschaft von Astrid Lindgrens Bullerbü und
genauso von Gut Ohlhof. „Ich kann Fahrrad fahren
und fahre jetzt mit Lotti“ sagt die 3-jährige Tilda,
dabei erwähnt sie tunlichst nicht, dass sie das erst
seit gestern kann und auch noch viel üben muss.
Nur, hier kann sie es ohne Risiko tun.
Geborgenheit und
Freiheit – es sieht so
aus, als wären dies
die entscheidenden
Faktoren, sein Leben
erfolgreich starten
und meistern zu können.
Was die Erwachsenen
vorleben, nehmen
sich die Kinder als „Gussform“ für ihre eigenen
Handlungen. Wie Tilda im Moment das Fahrradfahren
üben muss, wird sie schließlich auch
immer wieder das Leben „üben“ müssen. Dass
dazu beides, Geborgenheit und Freiheit, notwendig
sind, liegt eigentlich auf der Hand. Gut Ohlhof:
Ein Modell, von dem man sich eine Menge abgucken
kann! (sg)
FOTOS: RAINER GOLITZ/SIDNEY GROMNICA
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