Platz genommen
geschrieben von Stefan Sobotta im Oktober 2011GANZ PRIVAT
Bettina und Dr. Oliver Junk, ihre beiden Töchter und ihr Hund sind die sicherlich prominentesten Neubürger in Goslar. Die Wahl des CSU-Politikers zum Oberbürgermeister der Kaiserstadt hat bundesweit in den Medien Wellen geschlagen. Wir sprachen mit dem Paar am Tag von Dr. Oliver Junks Amtsantritt.

QUADRAT: Sie haben zur Zeit einen vollen Terminkalender...
Oliver Junk: Ich habe heute um zehn Uhr meine
Unterschrift geleistet, die Wahl angenommen. Mit
Annahme der Wahl habe ich die Amtsgeschäfte
aufgenommen. Es war mein erster Arbeitstag jetzt,
wobei der Begriff Arbeitstag vielleicht ein bisschen
falsch ist: Das war mein erster Schnuppertag.
QUADRAT: Wie fühlt sich das an, so ganz schnell ins kalte
Wasser geworfen zu werden?
Oliver Junk: Ich habe schon Respekt vor der Aufgabe.
Das ist Verantwortung, die jetzt auf meinen
Schultern lastet.
QUADRAT: Was erhoffen Sie von Ihrer neuen Aufgabe in Goslar?
Oliver Junk: Ich erwarte, dass wir jetzt den Neuanfang,
den so viele erwarten, auch schaffen. Da
ist ja diese große Sehnsucht nach dem Neuanfang.
Um den zu schaffen, müssen jetzt alle mal zusammen
arbeiten. Ich möchte meinen Beitrag dazu
leisten, nicht nur damit, dass ich erfolgreich arbeiten
will, sondern, dass ich es auch schaffe,
Transparenz in die Entscheidungen zu bekommen.
Rat, Verwaltung, Bürgerschaft sollen alle mitgenommen
werden und sich gemeinsam auf Ziele
einigen und Ziele abstecken. Ich möchte alle zusammen
hinter eine Sache bringen. Ich bin sicher,
dass dies gelingt. Es werden auch viele sein, die
mithelfen wollen. Deswegen muss man daran arbeiten
und muss jede Entscheidung, die man
trifft, auch transparent machen.
QUADRAT: Für Sie ist das natürlich auch privat ein völliger
Neuanfang...
Bettina Junk: Das fühlt sich zwar einerseits alles
neu an, andererseits aber auch nicht, da wir so
herzlich aufgenommen und empfangen wurden.
Uns wurde sofort Unterstützung angeboten, dass
wir anrufen können, wenn Probleme da sind, damit
wir uns auch tatsächlich wohl fühlen. Unabhängig
voneinander haben wir auch schon Kontakte
geknüpft. Das geht natürlich auch über die Kinder. Das ist der Bonus, den ich mit einbringen
kann. Es kommt mir schon so vor, als wäre es keine
fremde Stadt mehr für mich. Die letzten drei
Wochen des Wahlkampfes haben wir in einer Ferienwohnung
in der Worthstrasse gewohnt und da
kennt man schon mal den einen oder anderen
Weg. Man hält mal hier ein Pläuschchen, da ein
Pläuschchen. Ich fühle mich hier schon angenommen
und nicht wie eine Wildfremde, die ich ja eigentlich
bin.
QUADRAT: Dieses Amt ist ja auch ein Job, den man nicht so
einfach kündigen kann?
Oliver Junk: Diese Kandidatur ist schon eine Lebensentscheidung
und das empfinden wir beide
auch so: Es beginnt ein neuer Lebensabschnitt.
Davor lebten Sie viele Jahre in Franken. Haben Sie
sich dort auch kennengelernt?
Oliver Junk: Die Universität ist sozusagen die Partnerbörse…
Bettina Junk: ...wobei ich das auch nicht gedacht
hätte, als ich ihn da den ersten Abend gesehen
habe...
Oliver Junk: Wir sind beide keine Franken, haben
uns über die Universität in Bayreuth während des
Jurastudiums kennen gelernt und sind dort hängen
geblieben. Es waren gute Jahre. Wir haben
2006 geheiratet, haben in Bayreuth ein Haus gekauft
und eine Familie gegründet. Das war natürlich
eine schöne Zeit.
QUADRAT: Ist Franken nicht deutlich anders als der Harz?
Oliver Junk: Mittelfranken ist schon deutlich anders,
aber in Oberfranken findet man Parallelen
zwischen dem Harz und dem Fichtelgebirge, zwischen
der Stadt Bayreuth und der Stadt Goslar,
auch wenn Bayreuth natürlich größer ist. Da sind
nicht alle Problemstellungen ganz verschieden:
ehemaliges Zonenrandgebiet, Fördergefälle, Bevölkerungsschwund,
keine einfache finanzielle Situation
für die Kommunen, touristisch durch die Teilung
profitiert, Stichwort: Berliner. Dann wurde
auch nicht richtig weiter investiert, weil es ja alles
gut ging, bis der große Knall kam, für die einen im
positiven und die anderen im negativen Sinne. Und
jetzt muss man sich wieder aufrappeln und aus
dem Jammertal kommen. Ich habe mich an vielen
Stellen auch hier im Wahlkampf erinnert an Bayreuth.
Das sind auch Themen, über die wir in der
Vergangenheit schon gesprochen haben und so ist
es vielleicht ganz positiv, dass man den einen oder
anderen Aspekt, der schon einmal von einer anderen
Seite beleuchtet wurde, hier einbringen und
die Frage stellen kann: Müssen wir das wirklich so
machen, müssen wir wirklich den alten Trampelpfad
gehen oder können wir das nicht auch mal von
einer anderen Richtung aus beleuchten? Natürlich
auch, weil man die Stadt noch nicht in Schwarz
und Weiß geteilt hat und das bleibt hoffentlich so.
Nicht Freund und Feind, sondern ich will jedem
ganz unbefangen entgegentreten und sagen: Wir
wollen zusammen etwas tun!
QUADRAT: Wie erleben Sie es, Oberbürgermeister in einer
Stadt geworden zu sein, die einen sehr hohen
Altersdurchschnitt hat?
Oliver Junk: Ich merke schon, dass man hier nicht
mit sehr vielen jungen Familien gesegnet ist. Das
spüre ich, wenn ich hier unterwegs bin. Auf der
anderen Seite war es im Wahlkampf sehr spannend
festzustellen, dass gerade die aus der älteren
Generation mich gewählt haben. Ich habe oft gehört:
Wir müssen etwas für unsere Jugend tun.
Diese Menschen wollen nicht, dass die Stadt vergreist,
die wollen junge Impulse.
QUADRAT: Ihre Aktivitäten bei Facebook wurden im Wahlkampf
thematisiert...
Oliver Junk: Da war ich ja auch vorher schon unterwegs.
Das gehört dazu. Ich habe gemerkt, dass
es ein wichtiger Pluspunkt war, weil sich diese
Dinge multiplizieren. Ein 16- oder 17-Jähriger
spricht über das, was er wählt oder wie er Sachen
politisch einschätzt, nicht im Freundeskreis, sondern
erst einmal in der Familie. Die Multiplikation
an den Küchentischen habe ich dadurch natürlich
auch erreicht. Wenn ich dann die Familien einmal
über Facebook und dann noch über den Besuch
an der Haustür erreicht habe, was mir oft passiert
ist, dann habe ich den besten Effekt: Präsenz
überall.
QUADRAT: Wollen Sie das auch im Amt fortsetzen?
Oliver Junk: Ja, aber präsent zu sein heißt nicht,
jeden Termin zu besetzen. Der Oberbürgermeister
ist nicht der, der von morgens bis abends möglichst
viele Repräsentationstermine wahrnehmen
sollte, damit ihn viele sehen und er viele Zeitungsbilder
bekommt. Der wichtigste Teil ist harte Arbeit.
QUADRAT: Neben dem politischen Engagement gibt es aber
auch die sportliche Leidenschaft in der Familie?
Bettina Junk: Genau, ich habe zwar auch Jura studiert,
aber in der Winterzeit widme ich mich meiner
Ski-Leidenschaft. Ich habe im Fichtelgebirge
als geprüfte Skilehrerin gearbeitet, was beim hiesigen
Stadtmarketing sehr gern aufgenommen
wurde. Ich habe unserer vierjährigen Tochter auch
das Skifahren beigebracht, obwohl ich das eigentlich
nicht machen, sondern den Kollegen überlassen
wollte. Dann habe ich sie aber, statt sie in den
Kindergarten zu bringen, zum Unterricht mitgenommen.
Sie hat sich dort in der Gästegruppe gut
eingegliedert und deshalb noch vor ihrem vierten
Geburtstag Ski fahren gelernt. Das hätte ich selbst
nie gedacht, aber sie hat richtig Ehrgeiz entwickelt.
Es macht ihr viel Spaß.
QUADRAT: Und Ihre Interessen, wenn mal kein Schnee
liegt?
Bettina Junk: Ich bin sehr an Kunst und Kultur
interessiert. Diese kulturelle Vielfalt, die es hier
in Goslar gibt, begeistert mich. Was es hier alles
zu erleben, zu bestaunen und zu hören gibt, ist
beeindruckend. Ich liebe die Musik, ich liebe die
Kunst, so sie mich nicht erschlägt. Da war ich
schon positiv überrascht. Diese Vielfalt kenne ich
von Bayreuth nicht. Was die Leute hier im Privaten
für sich auf die Beine stellen, um in den Genuss
von Kultur zu kommen, ist außergewöhnlich.
QUADRAT: Wie erleben Ihre Kinder den Ortswechsel?
Bettina Junk: Gut für uns ist es, dass sie noch
nicht in der Schule sind. Auf der anderen Seite
wären auch die letzten Wochen gegangen, weil da
in Bayern noch Sommerferien waren. Und so kann
man jetzt schauen, dass man die Kinder bei den
Großeltern mal „zwischenparken“ und hier in Ruhe
nach einer Unterkunft suchen kann, so dass es
ab November hier in Goslar vor Ort richtig weiter
geht. Sie haben es aber gut mitgemacht. Davor
hatte ich schon etwas Bammel gerade mit der Großen.
Was wirklich zieht, sind Omi und Opi in der
Nähe. Was uns wirklich gut in die Karten gespielt
hat, ist, dass die Größere im Kindergarten am
Markt als Gastkind schon angenommen werden
konnte. Das war klasse.
QUADRAT: Wie hat sich Lokalpolitik in den zwanzig Jahren,
in denen Sie politisch aktiv sind, verändert?
Oliver Junk: Die Spielräume sind nicht mehr so
groß wie früher. Oberbürgermeister und Räte haben
sich ja dadurch ausgezeichnet, dass sie segnend
durch die Stadt gelaufen sind und Geld verteilt
haben, was man zum damaligen Zeitpunkt
schon nicht mehr hatte. Wir, die Jungen, waren
die, die sich vorsichtig erlaubt haben, die Frage zu
stellen, ob man Lasten immer nur in die nächsten
Generationen schieben kann. Ob man eigentlich
jedes Jahr mehr Geld ausgeben muss, als man hat,
damit man wieder gewählt wird und dadurch Gestaltungsspielräume
in der Zukunft verengt. Man
hat gespürt, wie schnell das dann ging, dass auch
für kommunale Haushalte zu einem harten Thema
geworden ist, wie wir mit Schulden umgehen wollen.
Wenn man mit Leuten spricht, die früher Lokalpolitik
gemacht haben, hört man immer, dass
es früher leichter war: Der eine hat gesagt, wir
brauchen dies, der andere hat gesagt, wir brauchen
das. Das Ergebnis war, dass beides gemacht
wurde. Jetzt ist Politik Arbeit. Da hat sich Vieles
verändert.
QUADRAT: Gibt es neben der Politik noch Hobbys?
Oliver Junk: Bisher war die Politik in der Tat das
einzige Hobby. Ich habe jetzt seit 20 Jahren Politik
gemacht und das sehr intensiv. Das war mein
Ausgleich zum Beruf. Es ist natürlich auch phantastisch,
wenn das, was Lebenszufriedenheit und
Erfüllung gibt, zum Beruf gemacht wird. Darauf
freue ich mich. Ich hoffe natürlich, dass ich mir
auch Freiräume schaffen kann bei einem Terminkalender,
der von Vielen sehr voll geschrieben
wird. Es muss auch Zeit bleiben für Familie, für
gemeinsamen Sport. Wir sind früher immer gern
und viel gelaufen mit dem Hund. Das hat im letzten
Jahr leider nicht immer so geklappt wie vorher.
Ich mache ja nicht Sport, um die Kinder gleichzeitig
zum Babysitter zu geben. Das wäre Quatsch.
Das muss sich alles jetzt einspielen. Von einer Modelleisenbahn
träume ich jetzt aber noch nicht...
Bettina Junk: ...die Carrerabahn verstaubt auch
auf dem Dachboden...
Oliver Junk: Ich freue mich darauf, den Harz und
die Gegend besser kennen zu lernen. (sts)
Abonnement
Weitere Artikel:
Namen, die Geschichte(n) erzählen
Was macht eigentlich Gudrun Tiedt?
„Forschung trifft Kultur“
Notruf 112
Bilder voller Leben
Ein Panoramabild deutscher Geschichte
Die Goslarer Sommerakademie…
Die neue Ess-Klasse
Siegfried & Roy: „Unsere 50 Millione...
In luftigen Höhen und dunklen Tiefen
Georg Michael Primus
Ein Steinway Flügel für Wolfshagen i...
Februar 2012
Handschuhe vom Feinsten
Hermann Wislicenus
5. Harzer Kultur Winter
Dieter Freesemann
Mick Jagger:


















