Ein alter Harzer kehrt zurück
geschrieben im März 2011Rückkehr nach fast 200 Jahren

Am 17 März 1818 erlegte der Reitende Förster
Spellerberg den letzten Harzer Luchs.
100 Treiber und 80 Jäger hatten zuvor dem
Tier in einer elftägigen Treibjagd nachgestellt. 85
Jahre später wurde an der vermuteten Stelle ein
Gedenkstein errichtet. Noch heute kann man diesen
Stein auf einer kleinen Wanderung bei Lautenthal
finden, wenn man vom an der L516 gelegenen
Sternplatz in nördlicher Richtung geht. Damals
war es klar: Der Luchs ist ein Konkurrent der
Jäger, den man ausrotten muss.
Was noch im 19. Jahrhundert allgemein anerkannt
war, ist in unserer Zeit undenkbar geworden. Nach
fast 200 Jahren ist einer der größten europäischen
Beutegreifer in seine Heimat zurückgekehrt und
fühlt sich wieder wohl in unseren Wäldern. Was im
Jahr 2000 als mutiger Versuch begann, hat
sich mittlerweile zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt:
Die Wiederansiedlung des Luchses im
Harz.
Faszinierende Katzen im Winterfell
Ursprünglich war der eurasische Luchs in ganz Europa
beheimatet. Heute ist er bis auf wenige Rückzugsgebiete
– in Skandinavien und in den Alpen
– fast vollständig verschwunden. Zwischen 2000
und 2006 wurden daher insgesamt neun männliche
Luchse und 15 weibliche Tiere im Harz ausgewildert.
Die großen Katzen haben sich seitdem
erfolgreich eingelebt. Bereits 2002 gelang der Beleg
des ersten frei geborenen Nachwuchses. Insgesamt
71 Jungtiere konnten in den letzten Jahren
nachgewiesen werden freut sich Ole Anders,
der
Luchsbeauftragte des Nationalparks Harz, auch
wenn viele davon sicher nicht mehr leben, weil sie
beispielsweise Krankheiten zum Opfer gefallen
sind. Luchse sind faszinierende Tiere: Scheu gegenüber
dem Menschen und mit einem außerordentlich
feinen Gesichts- und Gehörsinn ausgestattet.
Nicht umsonst gibt es das Sprichwort von
den „Ohren wie ein Luchs“. Den Tieren entgeht
keine noch so kleine Bewegung. Ihre Nase steht
dem allerdings deutlich nach. Diese heimischen
Katzen sind im Geruchssinn Hunden deutlich unterlegen.
Die etwa schäferhundgroßen Tiere sind
perfekt für das Leben in unserer Region angepasst.
Für das Leben im Schnee besitzen ihre Pfoten
mit dichten Haarpolstern am Rand sogar einen
speziellen Kälteschutz. Besonders im Winterfell
sind die Tiere eine imposante Erscheinung. Mit ihren
kräftigen Muskelpaketen sind sie geschickte
Jäger und Langstreckenläufer. Ihre Bewegungen
zu erfassen ist nicht einfach. Die Mitarbeiter des
Luchprojektes setzten daher bei Forschung und
Datenerhebung auch auf die Hilfe aus der Bevölkerung.
Wer als Jäger, Wanderer, Skifahrer oder
Mountainbiker einen Luchs oder seine Spuren gesehen
hat, kann sich direkt an einen der jeweiligen Luchsbeauftragten
wenden oder gleich direkt im
Internet seine Beobachtungen zu Protokoll geben.
Auf der Website „www.luchsmonitoring.luchsprojekt-
harz.de“ gibt es ein Onlineformular für Meldungen.
Auf einer interaktiven Karte sind alle
Luchssichtungen im Harz dargestellt.
Botschafter für den Harz
Diese Hinweise sind für das Luchsprojekt von großer
Wichtigkeit, denn nur so können detaillierte
Erkenntnisse zur Entwicklung der Luchspopulation
im ganzen Harzraum erfasst werden. Alle ausgewilderten
Luchse haben farbige Ohrmarken und
sind so leicht von in Freiheit geborenen Luchsen
zu unterscheiden. Die männlichen Tiere tragen sie
links, die weiblichen Tiere tragen sie rechts. Anhand
von Farbe und Position der Ohrmarken kann
die Nationalparkverwaltung jeden Luchs genau
identifizieren. Neben diesen Beobachtungen werden
auch Foto- und Videofallen eingesetzt. Vor
allem an gerissenen Beutetieren werden die Geräte
eingesetzt, da der Luchs meist regelmäßig zu
seiner Beute zurückkehrt und dann mit den Bilddokumenten
gut identifiziert werden kann.
Direkte Beobachtungen von Luchsen sind natürlich
eher selten und zufällig, da die Tiere vor allem
in der Dämmerung und nachts aktiv sind. Um genauere
Daten zu gewinnen, wurden seit Anfang
2008 einige erwachsene Luchse mit Sendern ausgestattet,
um mehr über sie und ihre Bewegungen
in ihrem Lebensraum zu erfahren. Die Katzen tragen
dabei ein Halsband, das mit Hilfe von Satellitennavigation
ermittelte Positionsdaten per SMS
direkt an die Computer der Projektmitarbeiter sendet.
Auf diese Weise ist beispielsweise für den
Luchs mit Namen M3 ein Streifgebiet von 314
Quadratkilometern nachgewiesen worden. Der
Luchs M1 bewältigte sogar eine 60 km lange Harzüberquerung
in weniger als 11 Stunden.
Langstreckenläufer auf leisen Pfoten
Wer selbst einmal die scheuen Pinselohren sehen
will, kann das Schaugehege an der Rabenklippe
bei Bad Harzburg besuchen. In natürlicher Umgebung
können hier die faszinierenden Großkatzen
aus nächster Nähe bestaunt werden. Da das Gehege
sehr groß ist und wie in der „richtigen Natur“
zahlreiche Versteckmöglichkeiten vorhanden sind,
bietet sich der Besuch während einer der regelmäßigen
Schaufütterungen an. Jeweils um 14.30 Uhr
am Mittwoch und am Samstag serviert Nationalparkmitarbeiter
Ralf Vojtisek das Mittagessen. Er
wird von den Tieren stets sehnlich erwartet, denn
jeder Luchs braucht täglich ein Kilo Fleisch. Meist
steht Reh oder Hase auf dem Speiseplan. Sie sind
eben keine Vegetarier, die Luchse aus dem Harz.
Nationalparksprecher Friedhart Knolle freut sich
über dieses gelungene Projekt, das bewirkt hat,
dass der Luchs heute wieder in den vier Bundesländern
Niedersachsen, Hessen, Sachsen-Anhalt
und Thüringen heimisch geworden ist. Der Luchs
im Harz ist so zu einer echten Erfolgsstory im Naturschutz
geworden.
Ach ja, wer den letzten Harzer Luchs von 1818
sehen möchte, muss nach Braunschweig fahren:
Im Naturhistorischen Museum steht er, ausgestopft
und konserviert. (sts)
Fotos: stefan sobotta
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